Andacht zum Muttertag

Die Jahreslosung des Jahres 2016 war: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66, 13) Dieses Bild beinhaltet verschiedene Aspekte. Einmal weist Gott mit und durch das Bild auf ihre weibliche Seite hin. Das zeigt: Gott steht über unseren Geschlechterbildern und -zuschreibungen. Zum anderen beinhaltet die Jahreslosung eine Aussage über Mütter und das biblische Mutterbild – oder wenigstens über einen Teilaspekt dieses Mutterbildes.

Denn die Bilder von Mutterschaft in der Bibel sind vielfältig, häufig auch widersprüchlich. Die Bibel spricht nicht von der „einen Mutter“, stattdessen werden menschliche Mütter nachgezeichnet in all ihrer Vielfalt. Frauen können ihre Mutterschaft annehmen und in freier Verantwortung gestalten. Diese Entscheidungsfreiheit spricht uns die Bibel zu. Das macht die Mütter der Bibel menschlich.

Es gibt Frauen wie Sara, die erst in hohem Alter ein Kind gebiert, Hagar, die Magd von Sara und Abraham, die zunächst an Stelle Saras ein Kind bekommt und nach der späten Geburt von Sara selbst in die Wüste geschickt wird und die damit die erste Alleinerziehende der Bibel wird. Es gibt Mütter, die eines ihrer Kinder bevorzugen und zu dessen Gunsten sogar Intrigen spinnen: Rebekka, Isaaks Frau, bringt den zweitgeborenen und von ihr bevorzugten Sohn Jakob dazu, sich mit einer List das Recht des Erstgeborenen zu erschleichen und Esau darum zu betrügen.

In der Bibel gibt es also Mütter, die ihre Kinder ungleich behandeln, sie erzählt von nicht gewollter Mutterschaft und Kinderlosigkeit. Mütter geben ihre Kinder weg, Mütter sterben zu früh und da ist sogar eine Mutter, die ihr Kind in einem Weidenkörbchen aussetzt – ansonsten wäre Moses direkt nach seiner Geburt getötet worden.

Irgendwo in dieser Vielfalt können wir auch uns selbst und unsere Mütter wiederfinden. Liebevoll, zu jedem Einsatz bereit, manchmal ungerecht und gemein. Mütter sind am Ende auch „nur“ Frauen mit vielfältigen Eigenschaften. Und die Mütter der Bibel beweisen mir: das ist völlig in Ordnung so.

Wie gehen wir mit den Erfahrungen mit unseren Müttern um? In manchem versuchen wir, unseren Müttern nachzueifern. Andere Erfahrungen wollen wir dagegen auf keinen Fall übernehmen. Diese Charakterzüge sind es, wegen denen wir sagen: niemals will ich werden wie meine Mutter. Unabhängig davon sind diese Erfahrungen prägend: unsere Mütter beeinflussen uns stark und geben uns viel mit, entweder Handwerkszeug oder Gepäck.

Mütter sind prägend. Noch im Erwachsenenleben brauchen wir in schwierigen Situationen oft unsere Mütter. Sie können uns stärken. Ein gutes Verhältnis zur eigenen Mutter gibt uns Halt und Geborgenheit. Insbesondere wenn wir Trost und Halt brauchen, gehen wir zu unseren Müttern.
Aber auch, wenn die Mutter fehlt, aus welchen Gründen auch immer, sagt uns die Jesaja-Losung Trost zu. Denn da ist Eine, die uns trösten kann und wird, wie es eine Mutter kann. Denn „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen sein Mutter tröstet.“ Wir alle bleiben Kinder unserer Mütter. Wir alle bleiben Kinder Gottes. Und damit finden wir immer eine, die uns tröstet – als Mutter oder wie eine Mutter.

Leitfragen zur persönlichen Auseinandersetzung


Wie ist das Verhältnis zwischen mir und meiner Mutter? Zwischen mir und Gott? Ist mein Gott weiblich oder männlich?
Was für eine Mutter wäre ich gerne? Will ich Mutter sein?
Wie erlebe ich mich als Mutter?

Gebet


Gott, ich danke dir, dass Du für mich da bist. Ganz besonders in schweren Zeiten hältst du mich und spendest mir Trost. Mit deiner Mütterlichkeit heißt du mich willkommen, bietest einen Ort voll Wärme und Liebe. Du bist da, auch im Alltag. Spürbar durch die Liebe meiner Mutter und spürbar in unserer Liebe zueinander. Gott, ich bitte dich: behüte alle Mütter, Kinder, Frauen und Männer. Sei bei mir, insbesondere in Zeiten der Angst und Not. Und gib mir die Fähigkeit, deine Nähe auch in diesen Zeiten zu spüren.
Amen

Lieder
Ich sing dir mein Lied, freiTöne Nummer 72
Du bist meine Zuflucht, freiTöne Nummer 62


Quellenangabe: Vgl. Annemarie Ohler: Mutterschaft in der Bibel. Würzburg, Echter 1992.

Text von Saskia Ulmer, Referentin EFW