„Die Reformation war nicht nur Männersache“ - Interview von Ute Dilg mit Landesfrauenpfarrerin Eva Bachteler

„Die Reformation war nicht nur die Sache eines einzelnen Mannes“, sagt Eva-Maria Bachteler. Auch Frauen hatten daran einen maßgeblichen Anteil.  Die Landesfrauenpfarrerin will, dass das deutlicher herausgearbeitet wird: „Das sind wir unseren Kindern und vor allem den Mädchen schuldig.“ Ute Dilg vom Evangelischen Medienhaus hat mit ihr gesprochen.


Luther und nochmals Luther: Man kann durchaus das Gefühl haben, das Reformationsjubiläum sei das reinste „Lutherfestival“. Frustriert Sie das als Landesfrauenpfarrerin nicht manchmal?

Ja, das frustriert mich schon. Allerdings werden nicht nur die Frauen vergessen, sondern auch viele andere männliche Reformatoren. Die Reformation war nicht nur die Sache eines einzelnen Mannes, sondern nur durch die Mitwirkung vieler anderer Reformatoren und Christenmenschen möglich. Wenn niemand Luther zugehört hätte, hätte er keinen Erfolg gehabt. Zum Glück hat sich der Blick im Laufe der Reformationsdekade etwas geweitet.

Sie haben ja zusammen mit Petra Ziegler, der Chefredakteurin des Gemeindeblatts, ein Buch über die Frauen in der Reformation herausgegeben. Welche Rolle spielten die Frauen damals tatsächlich?

Frauen waren maßgeblich an der Reformation beteiligt. Sie standen vor der Entscheidung, ob sie in den „alten“ oder den „neuen“ Gottesdienst gehen wollten, wem sie zuhörten, was sie an ihre Kinder weitergaben. Von gebildeten Frauen sind zudem Zeugnisse überliefert. Dazu gehören die Ehefrauen der Reformatoren, zum Beispiel Käthe Luther. Es forderte Mut, sich öffentlich durch die Heirat zur Reformation zu bekennen. Einige der Frauen an der Seite der Reformatoren waren selbst Reformatorinnen, wie Katharina Zell in Straßburg. Sie hat selber gepredigt und publiziert. Eine andere bekannte Autorin ist Argula von Grumbach. Ihre Schriften hatten eine hohe Auflage. Großen Einfluss gerade in religiösen Angelegenheiten hatten auch die Gattinnen der damaligen Herrscher, etwa Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg.

Wie hat sich das Frauenbild durch die Reformation gewandelt?

Im Mittelalter hatten Frauen im Kloster das höchste Ansehen, da das die „gottgefälligste“ Lebensform war. Luther lehrte nun, dass auch das Leben in der Welt ein gottgefälliges Leben sei. Viele Nonnen haben daraufhin die Klöster verlassen. Sie waren gut ausgebildet, aber es gab „in der Welt“ keine Berufe für sie, schon gar keine geistlichen Berufe. Luther hat zwar vom Priestertum aller Gläubigen gesprochen, aber das dann in Bezug auf die Frauen doch eingeschränkt. Für diese ehemaligen Nonnen blieb dann eigentlich nur die Ehe. Damit veränderte sich das Frauenbild. Verheiratete Frauen, die auch Mütter waren, rückten im Ansehen nach vorne. Und ganz unten standen die nichtverheirateten Frauen.

Hat  sich der emanzipatorische Anspruch der Reformation für die Frauen am Ende ins Gegenteil gewendet? Sie waren ja in der Folge stärker als je zuvor auf die drei K – Kinder, Küche, Kirche – festgelegt.

Grundsätzlich war es ein Gewinn, dass überhaupt über die Rolle der Frau nachgedacht wurde. Luther hat einige wichtige Dinge gesagt, zum Beispiel dass Frauen auch Ebenbild Gottes sind, und zwar gleichwertig zu den Männern. Auch ihnen ist ewiges Leben verheißen. Die Sexualität hat eine Neubewertung erfahren. Sie galt nach Luther als gute Gabe Gottes, die die Menschen leben sollten. Nur in der Ehe zwischen Mann und Frau natürlich, da war Luther Kind seiner Zeit. All das hat das Leben vieler Frauen aufgewertet. Andererseits wurden Frauen ganz klar auf den privaten Bereich reduziert. Und sie blieben von kirchlichen Ämtern ausgeschlossen. Kurz nach der Reformation gab es viele schriftliche Zeugnisse von Frauen. Viele von ihnen sind aber verloren gegangen, weil Schriftstücke von Frauen nicht so wertgeschätzt wurden. Anlässlich des Reformationsjubiläums wurde auch dazu geforscht und man hat vieles wieder neu entdeckt.

Die Zeitschrift Publik Forum kritisierte in Ausgabe 9/2017, dass die Deutung der Reformation immer noch Männern überlassen bleibt und sich so konservative Rollenbilder verfestigten. Sie fragt sogar: Ist das Reformationsjubiläum nur eine Angelegenheit der weißen männlichen Mittelschicht? Wie beantworten Sie diese Frage?

Der Artikel war in der Tat sehr spannend. Mir war selber nicht klar, dass die vielen Publikationen über Luther fast ausschließlich von Männern geschrieben wurden. Nächstes Jahr feiern wir hier 50 Jahre Frauenordination. Aber wir merken auch, dass wir immer noch nicht da sind, wo wir hinwollen. In der Theologie ist der Anteil der Professorinnen immer noch sehr gering, obwohl es mittlerweile viele habilitierte Frauen gibt. Es gibt in der Kirche nur wenige Frauen in Führungspositionen. Und wir müssen uns schon fragen, warum sich da so wenig tut. An der Qualifikation kann es nicht liegen, eher an der Frage, wie diese Positionen organisiert und ob sie mit dem Familienleben vereinbar sind. Außerdem fehlen den Frauen die Vorbilder. Dazu kommt, dass es viele Männer nicht gewohnt sind zu teilen. Paulus sagt in Galater 3: „Ihr seid einig in Christus.“ Damit hebt er die Schranken zwischen den Geschlechtern auf und damit haben wir eine Chance auf eine gerechte Gemeinschaft in der Kirche. Darauf müssen wir hinarbeiten.

Was müsste geschehen, dass die Frauen der Reformation die Bedeutung bekommen, die ihnen aus Ihrer Sicht zusteht?

Es hat nun immerhin einige Ausstellungen und Bücher zum Thema Frauen in der Reformation gegeben. Es gibt eine Offenheit für das Thema in den Kirchengemeinden. Das erlebe ich gerade bei Vorträgen immer wieder. Allerdings war und ist es oft immer noch so, dass Theologie und die Geschichtsschreibung sehr lange nur auf Männer ausgerichtet waren. Wir müssen den Blick weiten und daran arbeiten, auch die Frauen in der Kirchengeschichte sichtbar zu machen. Das sind wir unseren Kindern und vor allem den Mädchen schuldig. Auch sie sollen sich in eine Tradition stellen können.


Eva-Maria Bachteler, Petra Ziegler (Hg.): Auf zur Reformation. Selbstbewusst, mutig, fromm – Frauen gestalten Veränderung. Verlag und Buchhandlung der Evangelischen Gesellschaft GmbH, Stuttgart, 2016. Der Sammelband ist im Online-Shop des Evangelischen Gemeindeblatts und im Buchhandel erhältlich.

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