Ein Interview mit Dorothee Widmann, Geschäftsführerin der Frauenhilfe von 1964 – 1989, von Bettina Hertel, Geschäftsführerin EFW, am 7. April 2009 im Haus Monika, Stuttgart

Die Anfänge

Hertel: Dorothee, du warst die vierte Geschäftsführerin der Frauenhilfe, - weißt du noch etwas ganz aus den Anfängen?

Widmann: Heidi Denzel (die erste Geschäftsführerin) hat noch, als ich da war, gewollt, dass sie sagen kann, wo es lang geht. Das war eine kluge Frau. Ich habe sie kennen gelernt, als sie zusammen gewohnt hat mit der Meta Diestel. Die war die Hofkammersängerin und Denzel war „bloß“ bei der Frauenhilfe. (lacht) Frau Diestel ist zu bestimmten Themen als Vortragende eingeladen gewesen und war da sehr geschätzt.

Hertel: Sie hat ja immer dieses Müttersingen gemacht. Hat die Heidi Denzel mal etwas erzählt von der Gründung? Sie hat ja dann die Frauenhilfe mit gegründet.

Widmann: Ganz wenig. Bei ihr hat man immer den Eindruck gehabt, die Frauenhilfe, die gibt es schon seit dem Mittelalter.

 

Frauenwerk und Frauenarbeit

Hertel: Wenn du mit der Heidi Denzel Kontakt hattest - wie war es denn eigentlich, dass es erst Frauenwerk gab und dann die Frauenarbeit?

Widmann: Also für die Frau Denzel war es keine so große Schwierigkeit. Weil sie 1923 die Geschäftsführerin für Frauenwerk und Frauenarbeit war. Und dann haben die im Verlauf gemerkt, dass es gut wäre, wenn sie auch eine eigene Geschäftsführung hätten. Da ist Dr. Antonie Kraut, die beim Vorgänger vom Diakonischen Werk war, die erste Geschäftsführung für die Frauenverbände geworden. Und die war natürlich sehr prägend.

Wenn man sie auf ihre Arbeit beim Diakonischen Werk (Innere Mission) angesprochen hat, hat sie sich aber damals geärgert, dass sie nie gleichgestellt war mit dem Oberkirchenrat, der der Leiter vom Diakonischen Werk war, sondern sie war immer eine Stufe drunter.

 

1967: „Fräulein“ und „Frau“

Widmann: Es war vielleicht 1966 oder 1967, da habe ich in der Referentinnenbesprechung gesagt: Ich schlage vor, dass wir uns jetzt gegenseitig mit „Frau“ ansprechen und nicht mit „Fräulein“. Da kam Zustimmung und heftige Ablehnung. Und eine Mitarbeiterin, die damals Reisereferentin war und bei der Müttergenesung Kuren geleitet hat, hat gesagt: „Dem kann ich nie zustimmen, weil man sonst überhaupt nicht mehr merkt, dass ich eine richtige Frau bin.“ Und eine andere Referentin hat gesagt: „Ich bin immer stolz, dass ich sagen kann, ich bin Fräulein, und damit klar mache, dass ich eine Jungfrau bin.“

Hertel: Es ist unglaublich sich das heute vorzustellen.

Widmann: Zum Oberkirchenrat musste man ja alles geben, was mit Mitarbeiterinnen zu tun hat. Da habe ich dann jedes Schreiben zurück gekriegt mit dem Hinweis, ich solle es noch mal neu schreiben mit ‚Fräulein’. Und ich habe gesagt: „Nein, das mache ich nicht. Ich habe Ihnen das damals schriftlich mitgeteilt, dass wir mit ‚Frau’ angesprochen werden. Und das gilt.“ Und dann hat einer von den Oberkirchenräten damals gesagt: „Zu Ihnen sagen wir auch ‚Frau’. Aber Sie haben auch eine Stellung.“ Und dann hat es sich aber auch allmählich bei den anderen Mitgliedern in der Frauenarbeit durchgesetzt.

 

Frauenordination

Hertel: In der Frauenhilfe war auch Lenore Volz engagiert, eine der ersten Pfarrerinnen in Württemberg  - oder?

Widmann: Sie hat sehr gekämpft, dass die Pfarrerinnen gleichberechtigt werden. Das hat aber gedauert bis 1968. Mitten hinein in den großen Aufruhr. Es gibt noch die Protokolle von der Zeit, bis die dann mündig erklärt worden sind. Das ist hoch interessant, was es für Begründungen damals gab, dass das doch nicht geht.

Hertel: Warst du dann sehr beschäftigt mit der Frage, ob die Theologinnen ordiniert werden können?

Widmann: Ich habe mich immer ganz arg dafür eingesetzt. Im Landesarbeitskreis haben alle gewusst dass ich dafür bin. Und bei uns waren ja nachher auch zwei Pfarrvikarinnen. Frau Drück und Frau Essich, die beide inzwischen gestorben sind. Und Charlotte Essich hat es sehr gut gefallen, dass ich mich, obwohl ich nicht Pfarrerin war, trotzdem dafür eingesetzt habe.

 

Allein Erziehenden Arbeit: „Nicht alle Ehepaare beten, bevor ihr Kind gezeugt wird!“

Widmann: Aus einem Workshop sind dann die Tagungen für Adoptiveltern entstanden und auch die Tagungen für Pflegeeltern. Wir haben diese Tagungen zusammen mit der Evangelischen Akademie angefangen. Die Eltern sagten, sie werden in der Kirche nicht ernst genommen mit ihren Fragen und in der auch Gesellschaft nicht. Auf den Tagungen erhielten sie dann ihren Raum. Und es war auch wichtig, die Tagung für Adoptiveltern von der für Pflegeeltern zu trennen.

Und dann haben wir die Arbeit mit allein Erziehenden gemacht. Und da hat damals die Referentin, Frau Heidelbach, immer wieder gehört, dass die Gruppen in den Gemeinden keinen Raum kriegen. Da hätten Dekane gesagt, das sei keine Arbeit für die Kirche, es gäbe ja verschiedene Gründe, warum eine Frau allein erziehend ist. „Aber bei denen, die ledig sind, da sind doch die Kinder alle in der Sünde gezeugt worden.“ Und ich habe dann gesagt: „Also ich vermute, dass auch die Ehepaare Sünder sind und nicht nur die allein Erziehenden.“ „Ja“, wurde erwidert, „aber die anderen beten bevor ihr Kind gezeugt wird.“ Da habe ich gesagt: „Das glaube ich auch nicht bei allen.“ Und dann war es aber schließlich so selbstverständlich dass es das in der Gemeinde gibt, dass man die Kämpfe nicht mehr gehabt hat.

 

Selbständige Arbeit ermöglichen

Hertel: Wir können hier ja nicht alle Themen ansprechen, die vielleicht von Bedeutung waren. Was war im Rückblick wichtig für deine Arbeit?

Widmann: Für die Frauenhilfe gab es natürlich noch viele weitere Themen, die ich hier nicht alle nennen kann. Mir war immer wichtig, dass die Frauen vor Ort unterstützt werden, in den Kirchenbezirken und Gemeinden. Die Landesstelle war nicht so entscheidend, sondern was die Frauen vor Ort machen, darum ging es. Und es war mir wichtig, dort vor Ort Teams aufzubauen, die auch mit einer Wahlordnung des Kirchenbezirksausschusses gewählt wurden als landeskirchliche Arbeit.

Genau so war es mit den Familienbildungsstätten. Erst waren zwei Frauen zuständig für die Kurse und die Familienarbeit war in der Landesstelle angebunden. Dann gab es irgendwann über das ganze Jahr Kurse und wir haben die Leiterinnen ermutigt, Zuschüsse beim Landrat und beim Dekan zu beantragen und die Arbeit selbständig zu verantworten. Und dann sind die Einrichtungen selbständig geworden.

Hertel: Was könntest du den Frauen auf den Weg in die Zukunft mitgeben, die heute bei efw aktiv sind?

Widmann: Ich traue denen einfach, die es jetzt machen.

Hertel: Danke für das Interview!

 

Interview: Bettina Hertel, Geschäftsführerin EFW

Spirituelle Sommerwoche

31. 07. - 03. 08 2010
im Salemer Pfleghof Esslingen
siehe auch unter http://www.frauen-efw.de/veranstaltungen/veranstaltungen-details.html?tx_desimplecalendar_pi1%5BshowUid%5D=177

Cascade

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