Anita Gröh, Geschäftsführerin des Dekanatamtes Geislingen

Die Kirche als Partner der Menschen

Seit 25 Jahren arbeitet Anita Gröh im Dekanatamt Geislingen. "Der Sinn von Kirche ist, dass sie die Menschen wahrnimmt", sagt sie. Deshalb arbeitet die 47-Jährige in zahlreichen Projekten ihres Kirchenbezirks mit. Und so manches Projekt hat sie selbst aus der Taufe gehoben.

Anita Gröh
Anita Gröh

Die Dielen knarren, tief hängen die Holzbalken in den Raum hinein, der moderne Computer mutet in diesen alten Mauern wie ein Fremdkörper an. Aus dem 16. Jahrhundert stammt das Gebäude, in dem sich das Geislinger Dekanatsbüro befindet. Gemütlich und einladend wirkt es, aber nicht wie das Zentrum innovativer Ideen und neuer Projekte. Doch laufen genau hier die Fäden eines Kirchenbezirks zusammen, in dem viel dafür getan wird, modern zu sein.

„Hier erledige ich mehr Aufgaben als sonst üblich in einem Dekanatamt“, erklärt Anita Gröh, warum das Geislinger Dekanat in den 90 er Jahren die Stelle der Sekretärin in die einer Geschäftsführerin umgewandelt hat. Von der Gestaltung der Internetseite des Kirchenbezirks über Öffentlichkeitsarbeit bis hin zur Projektarbeit reichen ihre Aufgaben. Nicht zu vergessen die „Basisarbeit“ - so bezeichnet sie ihre vielen Gespräche mit Menschen, die sie anrufen, „weil sie sich aussprechen wollen und weil wir im Telefonbuch unter ’Kirchen’ an erster Stelle stehen“. 'Pionierarbeit' müsste der Aufzählung noch hinzugefügt werden, weil Anita Gröh viele neue Ideen hat. Und hat sie erst mal eine Idee, will sie diese auch unbedingt in die Tat umsetzen.

Vorreiterin in Sachen Computer

Das war schon im Jahr 1990 so, als sie kurzerhand in der EDV-Abteilung des Oberkirchenrates anrief und einen Computer anforderte. Der kostete damals mit Drucker, Software und Bildschirm noch 12.000 DM – und stand etwas später im Büro von Anita Gröh. „Wir waren der erste Kirchenbezirk der Landeskirche, der im Dekanatamt mit dem PC gearbeitet hat“, sagt sie stolz und fügt hinzu: „Wenn man sich nicht auf Neues einlassen würde, würde man heute noch mit der Postkutsche fahren.“

Bei aller Offenheit gegenüber Veränderung, ihre Heimat hat die gebürtige Merklingerin nie verlassen. Nach Schule und Verwaltungsausbildung in Geislingen nahm sie 1982 das Angebot des damaligen Dekans an, von der Kirchenpflege in das Dekanatamt zu wechseln. Seit 25 Jahren ist sie nun dort. Doch würde sie längst woanders sein, könnte sie ihre Vorstellung davon, was die Kirche in der Gesellschaft zu leisten hat, nicht in ihrer Arbeit umsetzen.

„Der Sinn von Kirche ist, dass sie die Menschen wahrnimmt“, sagt Anita Gröh mit Nachdruck. Die Kirche besitze einen großen Vertrauensvorschuss bei den Menschen und ist „im Denken der Leute immer noch positiv besetzt“, glaubt sie. Deshalb müsse die Kirche diesen Menschen sagen: „’Jawohl, wir sehen, wie es Euch geht, wir tun was für Euch’“. Dies sei die Verantwortung der Kirche, „dafür werden Kirchensteuern eingezogen“, findet sie. „Solange die Kirche sich um die Menschen und ihre Nöte und Ängste, Wünsche und Hoffnungen kümmert, solange macht sie eine gute Arbeit.“

Gründerin des Geislinger Kirchencafés

Die Kirche als Partner der Menschen – aus diesem Grundverständnis heraus initiiert Anita Gröh so manches Projekt im Kirchenbezirk. Eines ist das alljährlich im Dezember stattfindende Geislinger Kirchencafé. Die Idee dazu entstand 1994, als Anita Gröh und die damalige Mesnerin im Trubel des Weihnachtsmarktes eine Kaffeepause in der Stadtkirche einlegten – und die spontanen Fragen eintretender Besucher beantworten mussten, ob es hier und jetzt einen Kaffee gäbe. Damit war der Ehrgeiz für ein neues Projekt geweckt. Ein Jahr später gab es das Geislinger Kirchencafé. Mittlerweile werden über 200 Kuchen an über 2000 Besucher verkauft. In den vier Tagen des Kirchencafés sei sie „laufend in Gesprächen“, sagt Anita Gröh, danach wolle sie zwei Tage lang mit niemandem mehr sprechen.

Länger würde Anita Gröh diese Sprachlosigkeit auch nicht aushalten, pflegt sie dafür doch viel zu gerne den zwischenmenschlichen Umgang. „Mir sind Menschen wichtig“, betont die 47-Jährige, aus deren Mund sich diese Allerweltsaussage wie ein Bekenntnis anhört. Sie warnt davor, dass Kirche sich zu viel mit sich selbst beschäftigt und zu wenig mit den Leuten und deren Anliegen. „Wir predigen jeden Sonntag die Bewahrung der Schöpfung. Aber warum setzt die Kirche sich dann nicht deutlich für die Tempobeschränkung auf den Autobahnen ein?“, kritisiert Anita Gröh. Mehr Unabhängigkeit und eine deutlichere Positionierung zu gesellschaftlichen Themen fordert sie von der Kirche. „Protestantismus hat auch mit Protestieren zu tun“, sagt Anita Gröh und fügt hinzu: „Ich will eine selbstbewusste Kirche und eine selbstbewusste Gesellschaft.“

Bildung als wichtige kirchliche Aufgabe

„In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ lautet denn auch der Titel der aktuellen Geislinger Kirchenbezirkszeitung. Auch dies ein Projekt, an dem Anita Gröh federführend beteiligt ist. Sie sitzt im Redaktionsteam, fragt Autoren an, findet die günstigste Druckerei und verwaltet einen Etat von 10.000 Euro. Gewinne erziele man mit der im zehnten Jahr und in einer Auflage von 20.000 Exemplaren erscheinenden Zeitung nicht, sagt Anita Gröh ohne Bedauern. Wichtig ist ihr, dass die Zeitung eine Plattform biete, über die die Gemeindeglieder sich informieren und weiterbilden können.

Bildung hält Anita Gröh überhaupt für „das Wichtigste, auch in der Kirche“. Finanzielle Kürzungen im kirchlichen Bildungsbereich seien für sie „mit das Schrecklichste“. Auch um an dieser Stelle mitbestimmen zu können, hat sie für die 14. Landessynode kandidiert - und wurde gewählt. „Hier fallen die Entscheidungen, hier werden die Weichen gestellt“, freut Anita Gröh sich auf ihre kommende Aufgabe im württembergischen Kirchenparlament.

„Ich engagiere mich, seit ich denken kann“, sagt sie, die bereits als Schülerin die öffentlichen Gemeinderatssitzungen besucht habe. Nun ist sie selbst das Mitglied eines gesetzgebenden Gremiums. Ihr Ziel sei es, die württembergische Landeskirche als Volkskirche zu erhalten. „Sonst würden wir uns als Kirche von unserem Auftrag verabschieden: Kirche zu sein, wo Kirche gebraucht wird.“ Diesen Auftrag möchte Anita Gröh erfüllen - in der Synode, im Kirchenbezirk und in der Gemeinde.

Wolf-Dieter Retzbach


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