Pfarrerin Annette Kick arbeitet bei der Stelle für Weltanschauungsfragen der evangelischen Landeskirche in Württemberg.

In Telefongesprächen, Briefen, Zeitschriftenartikeln und Vorträgen gibt sie Auskunft über den "religiösen Supermarkt" unserer Zeit. Als Theologin bewertet sie auch dessen Angebote.
Am anderen Ende der Telefonleitung verzweifelt eine Frau an dem gestörten Verhältnis zu ihrer Tochter: "Die haben ihr doch bestimmt das Gehirn gewaschen. Da kann man nichts mehr retten." Hinter dem Wort "die" steckt eine religiöse Sondergemeinschaft, der sich die Tochter seit einiger Zeit angeschlossen hat. In solchen Gesprächen sei sie vor allem als Seelsorgerin gefragt, beschreibt die 51-jährige Pfarrerin Annette Kick ihre Aufgabe. Seit fünf Jahren ist sie nun landeskirchliche Beauftragte für Weltanschauungsfragen. Bis heute überrasche es sie zu sehen, "wie stark religiöse Orientierungen mit schwierigen Familienkonstellationen und bestimmten Lebenskrisen zusammenhängen." So wie bei dem oben erwähnten Mädchen, das sich jetzt zu einer Gemeinschaft mit autoritären Zügen hält. Klare Strukturen und bestimmende Vorgaben seien gerade für junge Menschen aus kaputten Verhältnissen ein attraktives Angebot, meint Kick. In solchen Lebenssituationen fühlten sich viele von Gruppen und Orientierungen angezogen, die ihnen das bieten, was sie nicht haben und schon lange suchen. Da brauche es manchmal einen langen und schweren Weg, um wieder raus zu finden. Das ist der realistische Trost, den die Seelsorgerin der verzweifelten Mutter am Telefon mitgeben konnte.
Hauptsächlich melden sich bei Annette Kick Angehörige wie diese Mutter, die sich Sorgen machen wegen der neuen religiösen Kontakte eines Familienmitglieds. Da sind die Eltern, die es nicht akzeptieren wollen, dass der Sohn zu einer charismatisch-christlichen Gemeinde abgewandert ist. Und da ist der Ehemann, der die Welt seiner Frau nicht mehr versteht, weil die sich neuerdings in einem esoterischen Zirkel um ihren Astralleib kümmert. Aber auch Betroffene selbst rufen an, weil sie trotz aller Faszination ein komisches Gefühl bei dem verspüren, auf das sie sich eingelassen haben. Und schließlich bekommt Kick auch Rückmeldungen von Leuten, die aus derartigen Zirkeln ausgestiegen sind.
Aber nicht nur zu Privatpersonen hat Kick Kontakt. Auch staatliche Institutionen fragen immer wieder mal bei ihr an. So das Jugendamt, das Angaben über eine Gruppe erbittet, zu der sich ein Ehepaar hält, das ein Kind adoptieren will. Oder es steht eine städtische Immobilie zum Verkauf an. Und weil unter den Kaufbewerbern auch eine kleine freie Gemeinde ist, will man etwas darüber wissen, was das Gemeindeleben für die Anwohner vermutlich mit sich bringen würde. Der Staat sei zwar an seine religiöse Neutralitätspflicht gebunden, sagt Kick. Aber er verlasse sich dennoch darauf, "dass wir reflektierte Auskünfte geben". Nicht ohne Selbstbewusstsein fügt die Weltanschauungsbeauftragte deshalb hinzu: "Es gibt wenig Stellen, die so gut Bescheid wissen wie wir." Daraus zieht sie die Konsequenz: "Wir haben eine Haftpflicht für die Gesamtgesellschaft." Gleichzeitig weiß Kick aber auch, dass sie keine objektiven Bewertungsmaßstäbe an andere Religionsgemeinschaften anlegen kann, weil solche in religiösen Fragen schlicht nicht existierten: "Es gibt keine weltanschaulich neutrale Weltanschauungsarbeit." Aber ihre Position, die sie als evangelische Theologin im christlichen Menschenbild habe, halte sie in persönlichen Beratungsgesprächen meist eher zurück. "Klar, werde ich Sachen, die ich menschenverachtend finde, benennen. Aber ich werde die Leute nicht zu bekehren versuchen. Ich will ihnen sagen, was sie bei dieser oder jener Gruppierung in Kauf nehmen müssen."
Annette Kick leitet zusammen mit ihrem Kollegen Hansjörg Hemminger die landeskirchliche Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen. Bei sämtlichen deutschen Landeskirchen gibt es nur eine weitere Frau in dieser Aufgabe. Denn das, was früher als Apologetik bezeichnet wurde, als Verteidigung des Glaubens, gilt immer noch als Männerdomäne. Aber auch Kick weiß, dass in ihrer Arbeit mit harten Bandagen gekämpft wird. Wenn Sie in Vorträgen und Veröffentlichungen gegen diese oder jene Gruppierung mal kritisch und mal warnend Position bezieht, dann gerät sie schnell in die Schusslinie. Aber Annette Kick bleibt gelassen: "Ich find´s erstaunlich, wie gut ich damit leben kann." Sie wird nicht müde zu betonen, dass sie sich nicht aus einer eigenen Laune, sondern aus einem theologisch-seelsorgerlichen Impuls gegen das wendet, was sie als Menschen verachtende Religion ausmacht: Wenn Menschen in Unmüdigkeit gehalten, finanziell und seelisch ausgebeutet oder in eine Scheinwelt versetzt würden.
Wenn ihr alles zuviel wird, dann fällt ihr Blick auf die Wand neben ihrem Schreibtisch. Dort hängen zwei Bilder mit ähnlichen Motiven: Leicht geöffnete Tore sind da zu sehen, die fest gemauerte Wände durchbrechen und ins Freie einer malerischen Landschaft führen. Die Motive könnten Arbeitsanleitung für eine Weltanschauungsbeauftragte sein.
Stefan Wittig
Bindung in unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsstufen
16. bis 17. Oktober 2010 in der Evang. Akademie Bad Boll
Der Newsletter der Evangelischen Frauen in Württemberg erscheint zweimal jährlich.
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