Brigitte Atz, Leiterin des evangelischen Johannes-Kindergartens in Stuttgart

Identität stärken und vorteilsfrei Vielfalt leben

38 Kinder, 19 Herkunftsländer und 18 Sprachen. Das ist gelebte Vielfalt und die Realität im evangelischen Johanneskindergarten im Stuttgarter Westen. Und Brigitte Atz ist mittendrin.

Brigitte Atz
Brigitte Atz

2004 hat Brigitte Atz nach halbjähriger Vakanz die Leitung des Kindergartens übernommen. „Es hat einfach alles gepasst“, sagt sie. Zusammen mit ihren drei Kolleginnen habe sie viel bewegt und aufgebaut: eine intensive Elternarbeit, eine gute Gemeinschaft und „Lebensinseln“ wie sie das nennt. „Identität stärken und vorurteilsfrei Vielfalt leben.“ So ließen sich ihr Anspruch und ihre Motivation beschreiben.

„Gepasst“ hat auch Brigitte Atz mit ihrer nicht alltäglichen Biografie. 1961 in Böblingen geboren, ist ihr Leben schon früh durch häufige Umzüge geprägt. Die damit verbundenen  Schulwechsel sorgen dafür, dass sie sich immer wieder neu zurechtfinden und anpassen muss. Sie studiert an der Berufsakademie für Sozialwesen in Stuttgart mit den Schwerpunkten Familienbildung und Heimerziehung, arbeitet daneben ehrenamtlich im Strafvollzug und lernt dort, dass man Verantwortung nicht nur übernehmen, sondern auch übergeben muss.  Die nötige Distanz zu wahren, Wege aufzuzeigen aber nicht alles selber zu machen, ist ihr noch heute wichtig. Ihren Kindergartenkindern vermittelt sie so: „Dein Tun hat ein Ergebnis, eine Konsequenz.“

Viele Erfahrungen im Ausland gesammelt

Nach ihrer Ausbildung arbeitet Brigitte Atz vier Jahre in einem kleines Haus der Caritas für Menschen mit geistiger Behinderung und übernimmt im Anschluss zwei Jahre lang Verantwortung als Gruppenleiterin in einem Hort. Dann liest sie „deutsche Schule in Manila sucht Erzieherin“ und ihr ist klar: da will sie hin. Sie übernimmt diese Aufgabe von 1990 bis 1992, geht anschließend ein Jahr auf Reisen, um die Philippinen noch besser kennen zu lernen. Sie erlebt in diesen Jahren, „dass das eigenen Weltbild und die eigenen Maßstäbe nicht zur Lebenswirklichkeit dort passen“.  Doch Freunde und Freundinnen vor Ort helfen ihr nach und nach zu verstehen und die gröbsten Fehler zu vermeiden. Und so erfährt sie, dass dort das, was ein Mensch in eine Gemeinschaft einbringen kann viel mehr Gewicht hat als seine individuellen Bedürfnisse. Sie erfährt, dass dort Pünktlichkeit als geradezu unhöflich gilt und die Gastgeber in Verlegenheit stürzt und sie lernt, sich sehr behutsam auszudrücken: „Ein klares Nein bedeutet, dass dein Gegenüber sein Gesicht verliert. Ein Vielleicht ist schon die schärfste Form der Ablehnung. Spräche ich so hier in Stuttgart, ginge ich damit unter.“

Brigitte Atz kommt für zwei Jahre zurück nach Stuttgart, übernimmt die Leitung eines evangelischen Kindergartens im Stadtteil Botnang und macht nebenher eine Ausbildung als Heilpraktikerin. Auf die Abschlussprüfung bereitet sie sich auf den Philippinen vor, kommt zurück und besteht auf Anhieb. Sie belohnt sich mit einem halben Jahr Westafrika, wo ihr größtes Interesse der Musik und Heilkunst gilt. Dann zieht es Brigitte Atz wieder nach Asien. Erst als Hauslehrerin in Malaysia, dann für vier Jahre wieder an die deutsche Schule in Manila. „Eurocamp“ nennt sich das Projekt, dem sie sich dort widmet. „Wir haben zusammen an neuen Konzepten für Vorschule und Sprachförderung gearbeitet. Dinge, die hier in Deutschland erst mit mehrjähriger Verspätung ankamen.“ Im Anschluss arbeitet sie zwei Jahre lang in einer Landwirtschaftskooperative, die sich auch in der Frage der Alphabetisierung engagiert, bis sie merkt: Wenn Du wieder nach Deutschland willst, musst Du Dich jetzt auf den Weg machen. Sonst verpasst Du die Entwicklung.“

Was Brigitte Atz erlebt, nennt sie selbst Kulturschock. „Ich habe nicht gefunden, was ich verlassen habe“, sagt sie. Entwicklungen seien an ihr vorbeigegangen. Ihre Freundinnen und Freunde sind weggezogen. Sie nimmt die Anonymität der Großstadt, viel Unfreundlichkeit und Gleichgültigkeit wahr, fatalistisches Klagen, ein hohes Maß an Fremdbestimmung, wenig Zeit für Menschen und einen großen Anteil an Leuten mit Migrationshintergrund. Sie sucht Menschen, die sich für andere einsetzen, findet sie, schließt sich einem Tauschring an. Und sie übernimmt die Leitung des evangelischen Johanneskindergartes im Stuttgarter Westen.  Eine Aufgabe, in der sie all ihre Erfahrung einbringen kann.

„Natürlich spreche ich keine 17 Sprachen. Aber wenn ich die Sprache nicht verstehe, achte ich auf etwas anderes, die Haltung zum Beispiel“, so Brigitte Atz. „Auch wenn eine Mutter kaum etwas versteht, muss sie spüren, dass sie angenommen ist.“ Sie nehme ihren evangelischen Auftrag ernst, vermittle und feiere die christlichen Feste. „Aber wir informieren   auch über die Feste und Gebräuche anderer Religionen und Kulturen und wertschätzen die ihre Andersartigkeit. Jeder soll sich zu Hause fühlen und seine Wurzeln ernst nehmen.“

Ganz besonders liegt Birgitte Atz das Projekt „Kinderwelten“ am Herzen, das eine vorurteilsfreie Bildung und Erziehung in den Focus rückt und von einer gleichnamigen Projektgruppe aus Berlin begleitet wird. Ihr Ziel ist es, Identitäten und Bezugsgruppenidentitäten zu stärken, einen guten Umgang mit der Vielfalt zu vermitteln und zusammen mit den Kindern aktiv gegen Einseitigkeit und Diskriminierung anzugehen.

So entstanden „Familienwände“ in den Gruppenräumen, an denen die Kinder an Hand von Fotos ihre Familienkultur schildern, über das Essen, Wohnen und Leben zu Hause berichten. Die Jungen und Mädchen stellen ihre Lieblingslieder in ihren Sprachen vor und bringen sie den anderen bei. Zusammen mit den Kindern prüft sie Spielsachen und Kinderbücher: Wird hier mit Stereotypen gearbeitet, jemand herabgesetzt oder kommt gar nicht vor? Und so verändern sie die Bücher, nehmen Kontakt mit Verlagen auf, kleiden Playmobilfiguren neu ein. „Wussten Sie, dass Playmobilmenschen nur weiße Hautfarbe haben?“ Den Umgang mit der Vielfalt müssten beide lernen, jene mit und jene ohne  Migrationshintergrund. Dazu braucht es starke Persönlichkeiten und gegenseitige Wertschätzung. Davon ist Brigitte Atz überzeugt und sie wünscht sich, dass der Umgang mit Interkulturalität und Mehrsprachigkeit endlich auch einen angemessenen Stellenwert in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern erhält.

Stephan Braun
(Portrait erschienen im März 2007)


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