Brunhilde Raiser

Als Christin bewusst politisch aktiv

Von Thomas Dorn

Brunhilde Raiser
Brunhilde Raiser

Als ihr jüngster Sohn "gerade mal drei war" und in den Kindergarten kommen sollte, wurde Brunhilde Raiser gefragt, ob sie nicht den stellvertretenden Vorsitz der Evangelischen Frauenhilfe in Württemberg übernehmen wolle. Sie sagte zu. Das war vor zwölf Jahren. Inzwischen hat die 49-jährige Lehrerin und Pfarrersfrau aus Neudenau-Siglingen weitere Funktionen übernommen: Seit 1996 ist sie Vorsitzende der Evangelischen Frauenhilfe in Deutschland, des mitgliederstärksten Frauenverbandes in der Evangelischen Kirche.

Vor zwei Jahren wurde sie in das Präsidium der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland gewählt, dem Dachverband von 43 evangelischen Frauenorganisationen. Und seit Mitte November ist sie nun auch noch stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Frauenrats, in dem sich alle deutschen Frauenorganisationen zusammenfinden.  

Die Fülle von Ämtern und Aufgaben hat die ehrenamtliche Arbeit auf "mehr als 40 Stunden pro Woche" anwachsen lassen. Brunhilde Raiser ist viel unterwegs, manchmal zwei Tage, manchmal eine ganze Woche weg. Das funktioniert nur, sagt die Mutter von drei mittlerweile 20, 18 und 15 Jahre alten Söhnen, weil sie sich mit ihrem Mann "die Familienverantwortung teilt".

Und weil sie in Siglingen, wo Wolfgang Raiser seit 14 Jahren Gemeindepfarrer ist, "wirkliche Frauensolidarität erfahren hat". Oft sind Frauen aus der Gemeinde eingesprungen, haben die Raiser-Kinder mitversorgt. Dennoch: Familie und Tätigkeiten in Einklang zu bringen, ist manches Mal eine "Zerreißprobe". Wenn sie auswärts ist, glühen die Telefondrähte. "Die Telekom verdient enorm an unserer Familie", schmunzelt Brunhilde Raiser.

Ihre Kinder hat sie übrigens vor jeder Wahl gefragt: Soll ich die Aufgabe übernehmen? Stets hat sie grünes Licht bekommen. Nur wundern sich die Sohnemänner bisweilen, dass die Mutter so viel Zeit in Ehrenämter investiert, für die es nur einen Reisekostenersatz und minimale Spesen gibt. Vielleicht könnte sie mit ähnlichen Aufgaben ordentlich Geld verdienen? Ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten begann die Fränkin Brunhilde Raiser nicht ganz freiwillig. Ihre bayerischen Schulabschlüsse verhinderten damals, dass die studierte Theologin, Germanistin und Historikerin als Lehrerin in Baden-Württemberg, wo ihr Mann Vikar war, arbeiten konnte.

Im Ehrenamt sah sie zwar schon damals "eine Chance, meine Fähigkeiten einzusetzen", aber eigentlich hätte sie doch ganz gerne "die Wahlfreiheit gehabt". In der Kirchengemeinde engagierte sie sich von Anfang an für den Weltgebetstag, hielt Vorträge, leitete den Frauenkreis und Fortbildungsveranstaltungen. Heute ist die Theologin sechs bis acht Mal im Jahr als Lektorin unterwegs. Klar, dass sie bei diesen Gelegenheiten eigene Predigten hält. In der Württembergischen Landeskirche hat sie außerdem das Gottesdienst- und Sakramentsrecht, darf also zum Beispiel auch taufen.

In ihren bundesweiten Funktionen setzt sie sich - innerkirchlich und in der Gesellschaft - für die Belange für Frauen ein, etwa bei Fragen der Alterssicherung, der Gesundheit oder der Gleichstellung. "Armut ist schwerpunktmäßig weiblich", weiß Brunhilde Raiser.

In Schreiben an Funktionsträger, in offenen Stellungnahmen oder bei Anhörungen meldet sie sich zu Wort. "Dass ich konfliktscheu bin, wird mir nicht nachgesagt", lächelt die 49-Jährige. Bei Sitzungen, Konferenzen, Gesprächen erlebt sie sich selbst als "zähe, aber kompromissbereite Verhandlungspartnerin". "Ich bin sehr bewusst als evangelische Christin politisch aktiv", sagt Brunhilde Raiser.

Sie versteht sich als Anwältin für Benachteiligte, die " zivilcouragiert und gewaltfrei" für Gerechtigkeit eintritt, will aber zugleich "die Hoffnung weitergeben auf ein Leben in Fülle" . Kirche muss in der Welt Farbe bekennen, lautet ihre Überzeugung. " Sonst ist sie ein Elfenbeinturm".

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Mit freundlicher Genehmigung des Autors
gefunden am 03.01.2003 in der Rubrik:
News - Regionale Nachrichten - Landkreis Heilbronn


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