Ihr Hobby verrät ein Motorrad im Miniaturformat auf dem Schreibtisch. "Motorradfahren ist meine große Leidenschaft", bekennt die Frau, die nicht nur in ihrer Freizeit immer wieder am Durchstarten ist.

Carola Martin, eine selbstbewusste Macherin in den Dreißigern mit blondem Kurzhaarschnitt, erledigt auch beruflich das, was sie anpackt, mit vollem Einsatz. Und anzupacken gibt es vieles in ihrer Arbeit als Managerin eines Sozialunternehmens.
Die Rede ist vom Weraheim am Oberen Hoppenlauweg im Stuttgarter Zentrum. Ein Haus mit Wohngruppen für junge Mütter mit Kind. Viele dieser jungen Frauen, die hier betreut werden, sind noch minderjährig. So gut wie alle kommen aus schwierigen familiären Verhältnissen, manch eine ist im Kinderheim aufgewachsen. Gewalt- und Missbrauchserfahrungen sind keine Seltenheit. Und so haben viele von ihnen Schwierigkeiten, verlässliche Beziehungen aufzubauen, mit dem verfügbaren Geld verantwortlich umzugehen oder die alltägliche Haushaltsarbeit der entstandenen Minifamilie zu organisieren. Hilfe ist also dringend von Nöten, wenn solche jungen Frauen hochschwanger vor der Türe stehen oder vor kurzem entbunden haben.
Angeboten wird diese Hilfe im Weraheim durch 47 Plätze in betreuten Wohngruppen. Geleistet wird sie von 43 Mitarbeitenden, nämlich Sozialpädagoginnen und Erzieherinnen, Pflegerinnen und Krankenschwestern sowie Mitarbeitenden in Hauswirtschaft und Verwaltung. Daneben gibt es in diesem Heim eine öffentliche Kinderkrippe, eine Beratungsstelle für Schreibabies und - seit 2002 - die erste und bislang einzige Babyklappe in Stuttgart. Die Verantwortung für all das liegt nun seit gut sechs Jahren in den Händen von Geschäftsführerin Carola Martin.
Bevor die studierte Sozialarbeiterin 1999 in diese Aufgabe wechselte, hat sie sieben Jahre lang Basiserfahrungen in einem Kinderheim in Esslingen gesammelt. "Dann war die Arbeit in der Gruppe für mich keine Herausforderung mehr. Ich hatte das Gefühl, den Kindern nicht mehr gerecht zu werden", erzählt sie. "Und ich habe gemerkt, dass sich die Probleme der Eltern bei den Kindern und Jugendlichen wiederholten. Das wollte ich zu einem früheren Zeitpunkt in den Lebensläufen unterbrechen helfen." Das nötige Fachwissen für ihre neue Aufgabe hat Carola Martin sich berufsbegleitend erworben. Auf der neuen Stelle absolvierte sie die ersten drei Jahre eine Zusatzausbildung im Managementbereich. Dass ihr heute die abwechslungsreiche Aufgabe Spaß macht, braucht sie eigentlich nicht zu erwähnen. Man spürt es an der Art, wie sie in ihrem Büro präsent ist. Und man spürt es auch daran, wie Antworten auf Fragen nach ihrer Biographie schnell wieder bei ihrer jetzigen Aufgabe landen.
Da sind ihr vor allem zwei Aspekte wichtig. Zunächst: Die Selbständigkeit der Frauen sei zu stärken. "Nur wenn es der Frau als Person gut geht, kann sie auch eine gute Mutter sein. Eigene Bedürfnisse zurückstellen zugunsten des Kindes kann man nur, wenn man einigermaßen mit sich klar kommt", sagt Carola Martin. Das kann konkret heißen den Schulabschluss nachzuholen oder eine Ausbildung zu machen. Aber ebenso zentral sei die Hilfe beim Hineinwachsen in die Rolle als Mutter. Aufs Ganze gesehen formuliert Martin das Ziel der Arbeit in den Wohngruppen als "Klärung der Lebensperspektive für Mutter und Kind". Allerdings ist dabei nicht von vornherein ausgeschlossen, dass es auf Dauer vielleicht keine Basis für das Zusammenleben der beiden geben wird. "Eine Trennung kann sein", sagt Carola Martin und weiß, dass das dann zum Wohl von beiden Seiten sein wird, weil eine dauerhafte Überforderung weder Mutter noch Kind hilft. In solchen Fällen votiert dann das Jugendamt für eine Pflegefamilie.
Carola Martin ist sich aber auch bewusst, dass der Weg zur Selbständigkeit der Frauen in den meisten Fällen die finanzielle Unabhängigkeit nicht beinhalten wird. "Uns ist klar, dass viele Frauen Sozialhilfeempfängerinnen sein werden." Selbständigkeit als ein Leben ohne notwendige sozialpädagogische Unterstützung - damit wäre für die Frauen schon viel erreicht.
Das Weraheim hat mit dem Projekt der ersten Babyklappe in Stuttgart vor wenigen Jahren viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Aber Carola Martin plant weiter für die Zukunft. "Unsere Frauen wollen eigentlich mit ihrem Partner zusammen leben", sagt sie. Das ist im Haus bislang so nicht möglich. Aber Martin will dabei helfen, "die Väter in die Vaterrolle hineinwachsen zu lassen." Eine junge Familie kontinuierlich begleiten zu können und dabei Konflikte lösen zu helfen, das wäre dann ein ganz neues Aufgabenfeld. Aber sie betont auch, dass die Machbarkeit eine Frage der Finanzierung sei.
Ebenso am Herzen liegt ihr die Betreuung von behinderten Müttern mit Kindern. Da gibt es bislang nämlich fast keine Angebote.
Solange also noch etwas zu bewegen ist, ist die weitere Leitung des Hauses durch Carola Martin gesichert: "Ich will so lange bleiben, wie ich das Gefühl habe, dass es eine Herausforderung für mich ist. In dem Moment, in dem es als Routine läuft, würde es mir keinen Spaß mehr machen." Dahinter steht unverhohlen vorgetragen ein leidenschaftlicher Arbeitsbegriff. Er passt zu einer Bikerin, die gerne Gas gibt.
Stefan Wittig
Bindung in unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsstufen
16. bis 17. Oktober 2010 in der Evang. Akademie Bad Boll
Der Newsletter der Evangelischen Frauen in Württemberg erscheint zweimal jährlich.
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