Wie vielen Berufen sie in ihrem Leben schon nachgegangen ist, vermag Christiane Hummel gar nicht genau zu sagen. Auf jeden Fall zahlreichen. Doch das, was sie derzeit macht, das scheint ihre eigentliche Berufung zu sein. Cristiane Hummel ist Leiterin des Diakonischen Werkes der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Georgien.

1941 in Kohlberg in Polen geboren, wuchs sie nach der Flucht in den Westen in Stuttgart Gablenberg auf . Ihre Eltern waren beide Ärzte und so lag es auch für sie nahe, Medizin zu studieren. Doch dann lernte sie ihren Mann kennen, heiratete, brach das Studium ab und folgte ihm, dem Theologen, nach Saarbrücken, wo er Assistent an der Universität wurde. Gert Hummel lehrte in Saarbrücken dann bis 1998 Systematische Theologie. Besonders interessierte ihn der interdisziplinäre Dialog und so kam es schon Ende der 70er Jahre zu den ersten Ost-Kontakten. Für Christiane Hummel, die sich um die beiden Kinder gekümmert hatte, die Möglichkeit, “herauszukommen“. Sie begleitete ihren Mann nach Warschau, Sofia, Prag, Moskau und eben auch nach Tiflis in Georgien. Diese „Horizonterweiterung“ sei bis heute prägend und sie wolle sie nicht vermissen, fügt sie nach einigem Nachdenken an.
Dann, nach dem Ruhestand ihres Mannes, beschlossen beide, einen ganz neuen Lebensabschnitt zu wagen und zogen 1998 gemeinsam nach Tiflis. Ziel war es, wieder eine Gemeinde, eine lutherische Kirche in Georgien aufzubauen. Was nicht ganz leicht fiel. Zumal die Sprache schwer zu erlernen ist. Aber Christiane Hummel war und ist beharrlich. Eine Privat-Lehrerin bringt ihr bei, wie man die komplizierten Buchstaben lesen und diese völlig fremde Sprache lernen kann.
Schon bald war klar, dass Gemeindeaufbau nicht nur mit Predigen am Sonntag zu tun hat, sondern immer auch mit diakonischem Handeln. Deshalb gründete Christiana eine medizinische Ambulanz, zwei Armenküchen und zwei Altenheime. Viele Menschen in Georgien waren in den 90er Jahren extrem verarmt und brauchten dringend Hilfe. Gegen alle Widerstände des Staates und anderer Kräfte wuchs diese Diakonische Arbeit. Dabei merkte Christiane Hummel schnell, dass neben den Leitungsqualitäten einer solchen diakonischen Einrichtung auch das Spendensammeln maßgeblich und vor allem notwendig ist. Und weil das Geld-Einwerben anfangs nicht so gut lief wie erforderlich, hat das Ehepaar das eigene Haus in Deutschland verkauft und den Erlös in die Arbeit in Georgien gesteckt.
Ihr Mann, mittlerweile Bischof der kleinen Kirche, unterstützte sie in ihrer Aufbauarbeit. Heute gibt es ein kleines Gemeindezentrum mit Altenheim neben der neu erbauten Kirche im Norden von Tiflis. Im obersten Stock des Heimes bewohnt Christiane Hummel zwei Zimmer. Ihr Mann war überraschend vor drei Jahren verstorben. Nun führt sie die Arbeit alleine weiter.
Sie will, so ihr Credo, den armen Menschen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. „So sind wir Kirche“, meint sie und ergänzt: „Wir sind für alle offen“. Gerade sammelt sie Geld für eine mittellose Frau, die dringend eine Operation braucht. Für andere richtet sie mit ihren Mitarbeiterinnen jede Woche sogenannte „trockene Tüten“, die 1 Kilo Zucker, Öl, Reis, Graupen und Fischkonserven enthalten. Diese Päckchen im Wert von rund 7 Euro werden dann an die Ärmsten der Armen verteilt und sichern ihr Überleben.
Als ich nach ihren Zukunftsvisionen frage, gerät Christine Hummel kurz ins Stocken. Zu sehr ist sie von den momentanen Notwendigkeiten beeindruckt. Ja, doch, sie wolle, dass ihre Arbeit ein Vorbild sei für andere georgische Einrichtungen. Dass die Überlebensmöglichkeiten der Menschen besser würden. Sie wolle Altenpflegerinnen ausbilden, Literatur übersetzen und noch zahlreiches mehr.
Die Diakonie ist zu ihrem Lebensinhalt geworden. Ob sie es bedauert, damals das Medizinstudium abgebrochen zu haben, frage ich. Sie denkt nur kurz nach, schaut sich in ihrer geschmackvoll aber einfach möblierten Wohnung um und sagt: „Vielleicht ein wenig, aber Zeit dazu hatte ich bis jetzt noch nicht“. Sagts und gibt mir mit auf den Weg, dass bereits für einen Euro täglich, eine ganze Familie mit warmem Essen versorgt werden könne und ich dafür sorgen solle, dass diese Möglichkeit in Deutschland bekannt würde. Die vornehme Frau mit der Kurzhaarfrisur ist eben immer im Dienst. Und sie lässt es sich auch nicht nehmen, alle ihre Besucher persönlich am Flughafen der der Hauptstadt abzuholen. Aufgrund der weiten Entfernung vom alten Europa meist eine nachtschlafende Angelegenheit. Gefreut hat sie sich auch, dass sie nicht allein als Deutsche in einem Führungsamt im „wilden Kaukasus“ tätig ist, sondern seit zwei Jahren die Bundesrepublik Deutschland mit Patricia Flor auch eine Frau als deutsche Botschafterin ins Land entsandt hat.
Unser Gespräch ist zu Ende. Christiane Hummel will noch eine Spendenbrief verfassen und ihre nächste Fundraising-Tour durch Deutschland planen. Sie braucht das Geld, meint sie und begleitet mich hinaus in die kalte georgische Nacht.
Klaus Rieth
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