Christine Marx, Kantorin der Feuerbacher Stadtkirche

"Singen ist eine Grunderfahrung"

Erkältet zu sein und eine heisere Stimme zu haben - für Christine Marx gibt es nichts Schlimmeres: "Ich bin unglücklich, wenn ich mich mit meiner Stimme nicht ausdrücken kann", erklärt die 34-Jährige und lacht.

Christine Marx
Christine Marx

Ein Leben ohne Musik ist für die Kantorin der Stadtkirche in Stuttgart-Feuerbach unvorstellbar und "speziell das Singen ist für mich ungeheuer wichtig". Ein Grund, warum sich Marx noch zu Schulzeiten entschloss, Kirchenmusik in Greifswald zu studieren. Zudem stammt die gebürtige Brandenburgerin aus einem kirchlich geprägten Elternhaus. "Der Halt in einer kirchlichen Gruppe war immer bedeutend für mich", erzählt sie. Eine Erfahrung, die Christine Marx auch als Kantorin weitergeben möchte: Deshalb macht ihr vor allem die Arbeit mit Kindern Spaß; ihnen will die Musikerin "etwas beibringen", aber auch dafür sorgen, dass sie in das Gemeindeleben integriert werden.

"Ich bin nicht der Typ, der täglich acht Stunden alleine an der Orgel übt"

Als sie im Jahr 2002 von Burgdorf bei Hannover als Kantorin ins Schwabenländle kam, nahm sie sich als erstes vor, die musikalische Arbeit mit Kindern an der Feuerbacher Stadtkirche wieder in Schwung zu bringen. "Ich musste die Gruppen erst einmal neu aufbauen", sagt Marx, "das hat Zeit gebraucht". Inzwischen aber, die Kantorin lächelt stolz, gebe es in der Gemeinde drei verschiedene Kindergruppen und eine Jugendkantorei.

"Insgesamt kommen mehr Mädchen, Jungs finden Singen oft uncool", erzählt sie und ergänzt, "aber wenn’s den Kindern Spaß macht, kommen sie gerne und bringen auch Freunde mit". Ihre Arbeit versteht sie als Ergänzung zum Musikunterricht, denn die meisten Kinder "singen heute viel zu wenig". Dabei ist es ihrer Meinung nach eine Grunderfahrung des Menschen, die eigene Stimme zu entdecken. Von der Kinder- und Jugendarbeit der Kantorin profitiert die gesamte Gemeinde. "Wenn die Kinder im Gottesdienst singen, ist die Kirche immer gut gefüllt - die Kinderchöre machen die Gemeinde jünger und lebendiger", ist sich Marx sicher.

Auch die Mauritius-Kantorei, Marx’ zweiter großer Aufgabenbereich, hat sich in den letzten drei Jahren stark verjüngt. Ein bis zwei Oratorien probt der Laienchor mit knapp 65 Sängerinnen und Sängern im Jahr, "unsere Aufführungen sind auch für Feuerbach ein Ereignis", meint Marx, die zusätzlich zum Kirchenmusikstudium noch einen Aufbaustudiengang im Fach Dirigieren absolviert hat.

In den nächsten Monaten aber müssen Kantorei und Kinderchöre ohne Christine Marx auskommen: Die Kantorin geht jetzt nämlich in den Mutterschutz und wird sich bis zum Januar 2006 musikalisch aufs Gute-Nacht-Lied-Singen beim ersten eigenen Kind beschränken. "Ich freu mich auch darauf, zu Hause zu sein, häuslich zu sein", gesteht sie und streicht über ihren Bauch. So wird sie beispielsweise zum ersten Mal seit zwölf Jahren in diesem Jahr Weihnachten zu Hause verbringen können. Ein Nachteil am Beruf des Kirchenmusikers, gesteht sie, seien die Arbeitszeiten: "Wir arbeiten eben immer an Feiertagen und abends". Da trifft es sich gut, dass Christine Marx einen Mann vom Fach geheiratet hat, einen Kirchenmusiker, der Verständnis für ihre Arbeitszeiten hat. In der Babypause aber will sie jetzt verstärkt soziale Kontakte und den Freundeskreis pflegen.

Aber natürlich wird sie "ihre Feuerbacher" auch vermissen, besonders das gemeinsame Musizieren mit großen und kleinen Mitmusikern. "Ich bin nicht der Typ, der täglich acht Stunden alleine an der Orgel übt", sagt sie. Trotzdem aber hat sie Spaß daran, sich auf die sonntäglichen Gottesdienste vorzubereiten, "besonders, wenn ich den Ablauf gemeinsam mit dem Pfarrer planen kann".
Dann nimmt sie sich Zeit, übt Vor- und Nachspiel und spielt auch gerne Improvisationen zu den Gemeindeliedern. "Wenn ich aber mit Pfarrern zusammenarbeite, die mir die Lieder auf die letzte Minute per E-Mail zukommen lassen, dann komme ich damit natürlich klar, aber fühle mich in meiner Ausbildung nicht ernst genommen", erklärt sie und runzelt die Stirn. In Feuerbach klappe die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Pfarrern aber gut. Ab nächstes Jahr will sie sich auf jeden Fall wieder hinter die Feuerbacher Orgel klemmen und den Taktstock in der Stadtkirche schwingen. Und eine neue Herausforderung hat sie sich auch schon ausgedacht: Das Requiem von Brahms, ihr persönliches Lieblingsoratorium, würde sie mit der Kantorei gerne einstudieren, "aber das ist wohl ein Fernziel, denn das Stück ist ziemlich schwer", sagt sie. Fortsetzung folgt ab Januar 2006 in der Stadtkirche in Feuerbach.

Angelika Hensolt


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