Dorothea Reuter, Sprengelarchivarin im Landeskirchlichen Archiv

Ein Liebesbrief bestätigt die Berufswahl

Dorothea Reuter sorgt dafür, dass die wirklich wichtigen Dokumente in der Prälatur Ulm aufbewahrt werden, dass Pfarr- und Dekanatsarchive ins Landeskirchliche Archiv kommen, und sie berät Nutzer des Archivs.

Dorothea Reuter
Dorothea Reuter

Viele Menschen halten die Beschäftigung mit alten Akten für trocken und wenig spannend. Das geht der 41-jährigen Archivarin manchmal genauso: "Das Verwaltungsschriftgut kann langweilig sein." Darin stehen z.B. Informationen über die Anstellung von Pfarrern, über Bau- und Personalsachen oder die Zuteilung von Kirchensteuern an die Gemeinden. "Aber es gibt Highlights", sagt Dorothea Reuter. Damit meint sie zum Beispiel einen Liebesbrief, der als Beweisstück seinen Weg in die Akten fand: Im 18. Jahrhundert hatte ein Mann aus dem Dekanat Biberach einer Frau die Ehe versprochen, sie aber nicht geheiratet. Die Frau klagte vor dem Ehegericht auf Entschädigung, weil die geplatzte Verlobung ihre Chancen auf dem "Heiratsmarkt" senkte und sie ihren beschädigten Ruf wiederherstellen wollte. Der herzförmige Liebesbrief des Mannes diente als Beweis, dass es ein Eheversprechen gab und dass der Mann die Verlobung wieder gelöst hatte. "Wenn man so was findet, weiß man, dass man das Richtige macht."

Das kirchliche Gedächtnis bewahren

Manchmal muss Dorothea Reuter auch "Feuerwehr" spielen: Wenn die Renovierung eines Pfarrhauses ansteht und die Gemeinde nicht weiß, was mit dem Archiv passieren soll, fährt sie kurzfristig los, um die Verantwortlichen zu beraten. Mit ihrer Arbeit möchte die Sprengelarchivarin "dazu beitragen, dass das kirchliche Gedächtnis bewahrt wird". Denn dort, wo die Erinnerung endet, könnten nur Archive weiterhelfen, wenn Menschen etwas über die Vergangenheit erfahren wollen. Dorothea Reuter ist es wichtig, dass Benutzer kommen und mit den Unterlagen arbeiten.

Das sind unter anderem Familienforscher oder Menschen, die zu einem Gemeindejubiläum eine kleine Kirchengeschichte ihres Ortes schreiben wollen. Oder Pfarrer, die alte Baupläne der Kirche oder des Gemeindehauses brauchen. Etwa 150 bis 200 Mal im Jahr beantwortet die Archivarin solche Nutzeranfragen. Außerdem erschließt Dorothea Reuter altes Schriftgut: Sie prüft, ob schon erfasste Aktenbestände vollständig sind und ob sie zeitlich richtig eingeordnet wurden. Sie erfasst den Umfang der zu einem Sachgebiet vorliegenden Dokumente sowie die Zeit, aus der sie stammen, und sie legt neue Inhaltsverzeichnisse an.

Außer diesen Hauptarbeitsgebieten betreut und koordiniert sie die Restaurierung von Schriftstücken durch eine private Werkstatt, sie erarbeitet zusammen mit ihren Kollegen jährlich eine Ausstellung, und sie hält Vorträge: "Jetzt bereite ich gerade einen Vortrag über das Gemeindehaus in Ravensburg vor, das wird 100 Jahre alt", erzählt Dorothea Reuter. "Das ist auch ein Stück Öffentlichkeitsarbeit, den Leuten zu sagen: Wir sitzen nicht nur irgendwo und horten alte Dinge."

Neben den kompletten Akten des Oberkirchenrats betreut das Landeskirchliche Archiv die Unterlagen von 190 Pfarr- und fast allen Dekanatämtern, von kirchlichen Vereinen und Werken wie der Karlshöhe Ludwigsburg sowie Nachlässe, z.B. den des früheren Landesbischofs Theophil Wurm. Daneben lagern in Möhringen Verwaltungsakten wie Sitzungsprotokolle und Personalakten, aber auch Tonträger mit Predigten, Fotos, Plakate, Handschriften und digitale Datenträger.

Die meisten Dokumente stammen aus der Zeit vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre. Die Akten der Dekanatämter umfassen etwa 900 laufende Meter, die der Pfarrämter rund 1150 laufende Meter. Andere landeskirchliche Einrichtungen wie Kirchengemeinden, Vereine und Werke sind dazu nicht verpflichtet. Allerdings liegen Mikrofilme aller Kirchenbücher im Landeskirchlichen Archiv vor. In diesen Büchern der Kirchengemeinden wurden bis 1875 Taufen, Eheschließungen und Beerdigungen handschriftlich eingetragen.

Einen typischen Arbeitstag, den gibt für die Archivarin nicht. "Wir haben eine saisonale Arbeit". Im Winter steht das Erschließen von Schriftgut für die Nutzer im Vordergrund. Aus verkehrstechnischen Gründen fährt die Archivarin in der kalten Jahreszeit seltener in ihren Sprengel, der in etwa die Prälatur Ulm umfasst, also von Ellwangen bis zum Bodensee reicht. In diesem Gebiet betreut sie rund 200 Pfarrämter und ein gutes Dutzend Dekanatämter.

"Im Sommer sind wir draußen in den Pfarrämtern". Dorothea Reuter und ihre Kollegen beraten Pfarrer und Pfarramtssekretärinnen, was sie aufbewahren sollen und was sie ruhig wegwerfen können, damit die Unterlagen nicht meterweise herumstehen, oder was sie am besten ins Landeskirchliche Archiv geben. Zuweilen komme es vor, dass ein Pfarrer sie anrufe mit der Bitte: "Bei uns sieht’s so furchtbar aus, könnt ihr mal kommen?"

Stefan Heide


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