Ein reiner Chorklang, verständlich artikulierte Worte – das freut Gabriele Degenhardt, aber es ist ihr nicht das Wichtigste.

Die Kantorin und Kinderchorleiterin an der Kreuzgemeinde in Stuttgart-Heslach möchte die 50 Kinder, die zu ihr in den Chor kommen, vor allem "in Schwingung" bringen. Das übt sie mit ihnen jede Woche in fünf nach Alterstufen eingeteilten Gruppen. Angefangen bei den Vier- bis Fünfjährigen. Je jünger die Kinder, desto kleiner die Gruppen. Die Kleinsten begrüßt ein Tütenkasper, mit einem Liedchen dreht sich die Puppe aus einer kleinen Tüte heraus und wendet sich an jedes Kind einzeln, Pauline, Lucie, Markus, Sebastian reichen dem Kasper die Hand und sagen Hallo. Samuel und Quentin kommen später noch dazu.
Gemeinsam erinnern sich die Kinder an Prinzessin Primella, die in der letzten Chorstunde, die für die Jüngsten nur eine halbe Stunde lang ist, bereits eine Rolle gespielt hat. Primella sitzt unter einem Wurzelstock, erzählt Gabriele Degenhardt, im Garten des Königs und sieht, wie es um die Zwiebeln der Frühlingsblumen bestellt ist. Später ist Pauline Prinzessin Primella. Alle anderen Kinder hocken als schlafende Frühlingsblumen in Hula-Hoop-Reifen, mit einem grünen transparenten Tuch bedeckt. Primella sammelt Schneeflocken aus Papier vom Tuch und spielt dann eine Wachs-Musik auf ihrem Xylophon. Langsam sprießen die Blumen empor. Schließlich springen sie herum. Und dann darf jeder einmal auf dem Xylophon spielen, so leise wie möglich, die Blumen müssen vorsichtig geweckt werden. Die anderen Kinder sagen, ob sie etwas hören können.
Die Chorstunde ist eine Mischung aus Hören, Spielen, Singen und Bewegen. Roter Faden ist die Geschichte um Prinzessin Primella. An einem der nächsten Sonntage wird das Singspiel um Prinzessin und König im Gottesdienst aufgeführt. Gabriele Degenhardt hofft, dass möglichst viele "ihrer" Kinder Zeit haben und mitsingen.
Ab Herbst wird Gabriele Degenhardt über ihre Kirchengemeinde hinaus musikalische Früherziehung bieten. Sie hat lange für eine Praktikantin im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres Kultur gekämpft und endlich auch eine bekommen. Mit ihr wird sie in mehr als zehn Kindertagesstätten im Stuttgarter Süden regelmäßig Gast sein.
Neben dem Kinderchor leitet Gabriele Degenhardt zwei Erwachsenenchöre. Die Zusammenarbeit mit der benachbarten katholischen Kirchengemeinde St. Joseph werde groß geschrieben, deshalb sind alle Chöre und Musikgruppen ökumenisch zusammengesetzt.
Die "Spannung zu halten", das sei das Wichtigste im Umgang mit Kindern. So zieht sich die Geschichte von Prinzessin Primella durch die ganze Singehalbestunde und beim nächsten Mal wird man dann wahrscheinlich weiteres über sie erfahren.
Gabriele Degenhardt hat selbst nie eine pädagogische Ausbildung gehabt "Was ich tue, tue ich aus Erfahrung", sagt die 51-Jährige. Am meisten hätten ihr die Beobachtungen im Walldorfkindergarten, in den ihre eigenen Kinder gegangen sind, genützt.
Die spezielle Herausforderung in der Arbeit mit Kindern heute: Die meisten seien Einzelkinder und forderten mehr Ansprache als Kinder früher, so die Erfahrung der Kantorin. "Sie kommen her und sitzen rum wie zehn Pfund Schnitz". Ihnen fehlten Erlebnisse in der Gemeinschaft von Gleichaltrigen. Gabriele Degenhardt möchte den Kindern Impulse geben und positive Erlebnisse in der Gruppe verschaffen. In einem der Lieder heißt es "Ich brauche dich, du brauchst mich, wir gehören zusammen."
Sie selbst hat angefangen in Kinderchören zu singen, als sie fünf Jahre alt war in Freudenstadt, ihrem Heimatort. Mit 17 Jahren hat Gabriele Degenhardt vertretungsweise das erste Mal einen Kinderchor geleitet. Später folgte ein Studium an der Kirchenmusikschule Esslingen. Sie legt die A-Prüfung als Kantorin ab und wird Kirchemusikerin in Esslingen. Ein zweijähriges Orgelstudium an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart schließt sich an, Gabriele Degenhardt wird Organistin an der Kreuzkirche in Heslach. Danach folgen je zwei Jahre Orgelstudium in Freiburg im Breisgau und in Paris. Anschließend legt Gabriele Degenhardt die Solistische Reifeprüfung an der Musikhochschule in Freiburg ab. Seitdem ihr zweites Kind auf der Welt ist, hat Gabriele Degenhardt die Konzerttätigkeit zurückgestellt. Stundenlanges Üben war zeitlich einfach nicht mehr drin. Jetzt sagt die Mutter von inzwischen drei größeren Kindern: "Ich will zurück." Im Herbst wird sie wieder ein eigenes Orgelkonzert geben.
Astrid Günther
Bindung in unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsstufen
16. bis 17. Oktober 2010 in der Evang. Akademie Bad Boll
Der Newsletter der Evangelischen Frauen in Württemberg erscheint zweimal jährlich.
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