Die Fremden im Land in Ehren halten, weil sie ein Land reich machen. Hinter dieser Aussage eines ungarischen Königs aus dem 11. Jahrhundert steht auch Gesine Lumpp.

Sie hat 30 Jahre im Auftrag der Landeskirche im Kloster Denkendorf Sprachhelferinnen ausgebildet, die wiederum ausländischen Kindern helfen, Deutsch zu lernen. Sie hat gemeinsam mit Kollegen das Denkendorfer Modell, eine spezielle Form der kindergarten- bzw. schulbegleitenden Sprachhilfe für ausländische Kinder und Aussiedlerkinder entwickelt. Bis heute unterrichtet Gesine Lumpp, ausgebildete Deutsch- und Religionslehrerin und zweifache Mutter, meist türkische Kinder und Jugendliche in ihrem Wohnzimmer. Sie sind mit ihren Familien nach Württemberg gekommen und haben Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Gesine Lumpp begleitet sie teilweise bis ins Erwachsenenleben und hilft sogar bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Viele ihrer früheren Schülerinnen und Schüler haben in Deutschland Abitur gemacht und studiert.
Vielleicht ist sie offen für Fremdes, weil sie selbst fremd in Deutschland angekommen ist als Flüchtlingskind während des Zweiten Weltkrieges. Aus Breslau kam die Achtjährige gemeinsam mit zwei Brüdern und ihrer Mutter nach zweiwöchiger Odyssee in Niederbayern an. Auf Leiterwagen voll mit Flüchtlingen sind sie in ein kleines Dorf gebracht worden. Für alle fanden sich Unterkünfte, nur die Mutter mit drei kleinen Kindern wollte niemand haben. Schließlich gab es dann doch eine Bleibe. In einem Bauernzimmer, das ihr eher einer Höhle denn einer Wohnung zu ähneln schien, habe sie am ersten Abend geweint. Licht kam nur aus dem Ofenloch und von einer kleinen Petroleumfunzel. In Breslau hatten die Kinder ein eigenes Zimmer "mit Spielzeug bis unter die Decke", erzählt Gesine Lumpp. Aber die Menschen in Niederbayern seien herzlich gewesen, durchziehende Soldaten und amerikanische Besatzer den Kindern zugetan. "Damals waren die Erwachsenen vor allem mit sich selbst beschäftigt". Heute würde man sagen: Kinder waren sich selbst überlassen. Gesine Lumpp sagt: Wir waren frei. Es wurden wunderbare Jahre auf dem Land.
Der Kontakt zu den Kindern anderer Kulturen hat Gesine Lumpp in den vergangenen Jahren zwangsläufig zur Beschäftigung mit deren Bräuchen und Religion geführt. Sie ist Mitglied bei der 1998 gegründeten Christlich-Islamische Gesellschaft und trifft sich monatlich mit muslimischen, jüdischen und christlichen Frauen zum Gespräch. Es geht um die Stellung der Frau im Koran und in der Bibel, um Fasten, um Ehebruch, um Beten.
"Ich bin dafür, dass wir uns gegenseitig zu unseren Gottesdiensten einladen, aber ich bin gegen interreligiöse Gebete", sagt Gesine Lumpp. Nicht, weil sie sich sicher ist, dass nur Christen zum "richtigen" Gott beteten, sondern weil Religion durch kulturelle Traditionen geprägt sei. Ihre muslimischen Gesprächspartnerinnen haben ein anderes Gottesbild als sie, darüber könne man nicht hinweg gehen. Interreligiöse Feiern aber, beispielsweise an Schulen oder zu außergewöhnlichen Anlässen, hält Gesine Lumpp für sinnvoll: "Damit sich eine Schulgemeinschaft noch auf etwas anderes besinnt als auf Deutschaufgaben und Matheklausuren".
Nicht alle Leute heißen gut, was Gesine Lumpp tut, weil sie Angst vor einer "Überfremdung" haben, auch in Denkendorf. Gesine Lumpp kann diese Angst nicht teilen. Bei Muslimen gäbe es das gleiche Phänomen wie unter Christen in westlichen Gesellschaften: eine inoffizielle Säkularisierung. Was Muslime täten: Sie feierten ihre Feste. "So wie alle Deutsche Weihnachten feiern, egal ob sie christlich sind oder nicht."
Wichtig, um Kinder anderer Kulturen in Deutschland ankommen zu lassen: eine bessere sprachliche Förderung, so Gesine Lumpp. Das auf ehrenamtlichen Helfern und Freiwilligkeit beruhende Denkendorfer Modell könne jedoch nicht flächendeckend eingesetzt werden. Auf Dauer führe kein Weg daran vorbei: "Erzieherinnen in Kindergärten müssen sprachfördernd tätig werden." In Schulen sollten sich die großen Klassen zumindest zeitweise in kleine Sprachfördergruppen aufgliedern. "Aber das ist ein Personalproblem", weiß die frühere Gymnasiallehrerin.
Sich mit dem Fremden bekannt zu machen, führe automatisch zur Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur, der eigenen Religion. "Man schätzt, was man am Eigenen hat", so Gesine Lumpp. Was sie am Islam beeindruckt: die Gliederung des Tages durch fünf Gebete. Aber sie sagt über sich selbst: "Ich könnte das nicht praktizieren in meinem Alltag." Die pensionierte Lehrerin hat nach wie vor viel zu tun.
Astrid Günther
(Zitat Stephan I. von Ungarn
"Ein Reich mit einer Sprache und einer Sitte ist schwach und zerbrechlich. Deshalb befehle ich dir, mein Sohn, dass du sie, nämlich die Gäste (hospes) und die Fremdlinge, wohlwollend gedeihen lässt und in Ehren hältst, damit sie lieber bei dir leben als irgendwo anders wohnen." Aus "Mahnungen" des ungarischen Königs Stephan I. an seinen Sohn Emmerich)
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