Halbzeit in der Dekade "Gewalt überwinden" heißt nicht, dass irgendjemand 15 Minuten Pause macht. Im Gegenteil, die Projekte laufen weiter. Heike Bosien jedoch wechselt den "Verein" und blickt auf fünf Jahre Dekadearbeit zurück.

Menschen, die in ihrem Leben Gewalt erlitten haben, sei es als Kinder oder Erwachsene, werden häufig selbst zu Tätern. "Das lässt sich klar beobachten und wird von vielen Studien belegt. Was können wir als Kirche tun, um diese "vorgezeichneten" Wege zu durchbrechen?", fragt sich Heike Bosien. Sie möchte für das Thema sensibilisieren und kirchliche Handlungsspielräume aufzeigen. Ihre Aufgabe in der ökumenischen Dekade sei es, Prozesse wahrzunehmen, zu begleiten und zu multiplizieren. "Eine klassische Vernetzungsstelle", meint sie.
Um Menschen vor Ort zu erreichen, arbeitet sie mit kirchlichen Einrichtungen und Netzwerken zusammen, die als Multiplikatoren funktionieren: Männerpfarramt, Frauenbeauftragte, Institut für Friedenspädagogik, Diakonisches Werk und viele mehr.
Dabei seien Einzelprojekte bedeutend, wie das Präventionsprojekt für Jugendliche "Schritte gegen Tritte" oder das Projekt "Friedenskunst" für Flüchtlingsfrauen. Mehr und mehr sei ihr aber die theologische Arbeit an dem Thema Gewalt und ihre Überwindung wichtig geworden. "Was sagen biblische Texte zur Gewalt? Warum streicht das Neue Testament die kriegerische Tugend der Tapferkeit in seinem Tugendkatalog im Unterschied zur antiken Tugendlehre?"
Positive Resonanz besonders zu theologischen Referaten habe es auch im April 2005 gegeben. Unter dem Motto "Gewaltprävention mit Religion?" kamen erstmals Polizisten, Lehrerinnen und Lehrer, sowie kirchliche Mitarbeitende zusammen: Gewaltprävention sei in aller Munde, "doch was können Theologie und Kirche dazu beitragen?" Die gemeinsame Tagung habe den Auftakt für eine dauerhafte Zusammenarbeit von Kultusministerium, Innenministerium und Kirche zum Thema "Gewaltprävention mit Religion" bedeutet.
Ein ungewöhnliches Projekt habe man mit dem Arbeitskreis Flüchtlingsfrauen gestartet, eine Zusammenarbeit des Diakonischen Werkes Württemberg mit dem museumspädagogischen Bereich der Staatsgalerie Stuttgart: Das Projekt "Friedenskunst" lade Flüchtlingsfrauen aus verschiedenen Ländern in die Staatsgalerie Stuttgart ein. Ein Rundgang führe zu Werken zum Thema Krieg und Frieden. Das Kunstwerk werde zum Ort des Austauschs über eigene Erfahrungen von Flucht, Migration, Krieg und Versöhnung.
Die Dekade suche nach "friedensethischen Wurzeln" in der Kirche, sagt Heike Bosien. Den Friedensauftrag wolle die Dekade durch lokale und internationale Aktivitäten beleben. Das Themenspektrum ist vielfältig, wie auch die Einrichtungen, die im landeskirchlichen Dekadeausschuss mitarbeiten.
Heike Bosien betont die Außenwirkung der Dekade: zwar passiere noch viel mehr, als von der Öffentlichkeit bemerkt werde, aber für viele werde deutlich, "Kirche nimmt das Thema Gewalt wahr und ernst". Immer mehr Kirchengemeinden würden das Thema aufgreifen, führten mit Konfirmandengruppen das Projekt "Schritte gegen Tritte" durch oder gestalteten Gottesdienste zum Thema. Bosien ist erfreut, dass "so gute Projekte laufen".
Das Anliegen der Dekade habe 1998 der damalige Landesbischof Eberhardt Renz von der achten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Harare mitgebracht, erklärt Heike Bosien. Sie fand gut, "dass der Bischof die Dekade unterstützte". Was sie bescheiden unterschlägt: Sie hatte ihn 28jährig nach Simbabwe begleitet und wurde dort in den Zentralausschuss gewählt, dem Leitungsgremium des ÖRK. Seit Mai 2001, dem Jahr der internationalen Eröffnung der Dekade, arbeitet sie nun auf der Projektstelle Ökumenische Dekade "Gewalt überwinden". Die Stelle habe sie ganz begeistert angenommen: Schon in Studium und Vikariat habe ihr Herz für die Ökumene geschlagen.
Im Oktober tritt Heike Bosien eine Pfarrstelle in der Bonhoeffer-Gemeinde in Nellingen an. Sie freue sich dort auf den direkten Kontakt vor Ort, auf Kasualien wie Taufe, Beerdigungen und Hochzeiten, die ihr im Moment fehlen würden. Trotzdem gehe sie nur ungern. "Die Arbeit hat so viel Spaß gemacht", kommt sie ins Schwärmen und fügt schnell hinzu, dass sie die Arbeit zum Thema Gewalt überwinden nicht ganz beende. "Ich werde nicht den letzten Dekadevortrag gehalten haben" schmunzelt sie. Auch werde sie für die Landeskirche Mitglied der EKD-Delegation sein zur nächsten Vollversammlung des ÖKR in Porto Allegre im Februar 2006.
Heike Bosien kam 1970 in Stuttgart zur Welt. Nach dem Abitur ging sie 1989 nach Bielefeld, um Theologie zu studieren. Nach Aufenthalten in Straßburg, Heidelberg und El Salvador beendete sie ihr Studium 1997 in Tübingen. Danach arbeitete sie als Praktikantin im Industriepfarramt der Evangelischen Akademie Bad Boll und studierte an der Kunstakademie Stuttgart bis zum Beginn des Vikariats in Stuttgart-Mühlhausen. Im Mai 2001 trat sie die Projektstelle der ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt an. Einen halbjährigen Sohn hatte sie damals. 2002 kamen noch Zwillinge dazu. Dass ihr es gelang, ihre "Abwesenheit auf der Projektstelle mit einer Praktikantin im Ökumenereferat halbwegs aufzufangen", darüber ist sie sehr stolz. Ein halbes Jahr nach der Geburt ihrer Zwillinge begann Heike Bosien wieder zu arbeiten. Halbtags. "50 Prozent Sonderstelle, die klassische Frauenanstellung" lacht sie. Damit habe sie Freiheiten, müsse sich aber auch gut organisieren. Mit drei Kindern besonders. "Kirchenstrukturen helfen dabei, dass ich und mein Mann uns die Erziehung teilen können", lobt Heike Bosien und ist trotzdem froh, dass die Oma in Stuttgart wohnt.
Beate Dreinhöfer
Bindung in unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsstufen
16. bis 17. Oktober 2010 in der Evang. Akademie Bad Boll
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