Den ersten Kontakt mit Gehörlosen hatte Karin Haag mit 18 Jahren, als sie im Internat für Gehörlose in Wilhelmsdorf ein soziales Jahr absolvierte. Doch Karin Haag entschied sich für eine Ausbildung zur Diakonin und Religionspädagogin.

In diesem Beruf arbeitete sie bis 1982 - mit hörenden Jugendlichen. Doch dann weckte eine Stellenanzeige für die Gehörlosenseelsorge ihre Neugier: "Ich wollte einfach wissen, wie das funktioniert", meint die sympathische Endfünfzigerin mit einem Lächeln. Die bloße Neugier entwickelte sich in den kommenden Jahren zur Lebensaufgabe.
Die Arbeit von Diakonin Haag ähnelt der einer Pfarrerin: Gottesdienste und Bibelstunden gestalten, Seminare leiten, Konfirmationen durchführen und Menschen seelsorgerlich begleiten. Dennoch: "Wir können mit Gehörlosen nicht die gleiche Arbeit wie mit Hörenden machen", betont die Seelsorgerin, die die Gebärdensprache im Umgang mit den Gehörlosen gelernt hat. Es genüge nicht, Inhalte einfach in Gebärdensprache zu übersetzen. So versucht die Diakonin Wege zu finden, wie die Gehörlosen mit Gott kommunizieren können. Ein Beispiel dafür ist ein Ikonen-Malseminar, das sie vor kurzem angeboten hat. "Das Malen von Ikonen kann einem stillen Gebet, einer stillen Meditation, entsprechen", weiß sie. Und so stieß der Kurs bei den teilnehmenden Gehörlosen auf großes Interesse.
Das Leben ist für Gehörlose in einer hörenden Umwelt nicht einfach. Viele von ihnen sind arbeitslos, da es wenige Arbeitsplätze für sie gibt. Auch die Kommunikation mit Hörenden ist zumeist schwierig. Zwar können die meisten Gehörlosen sprechenden Menschen von den Lippen lesen und lernen in der Schule auch das Sprechen, doch der Austausch mit Hörenden bleibt immer mühsam.
Karin Haag, die mit vielen Gehörlosen befreundet ist, ist überzeugt: "Wir Hörenden können viel von den Gehörlosen lernen." Während Hörende sehr viel gleichzeitig machten, konzentrierten sich Gehörlose viel mehr auf das, was sie tun. Sie schauten ihrem Gesprächspartner immer in die Augen, sähen genauer hin und sähen mehr. Schön findet Karin Haag auch, dass die Leute nach dem Gottesdienst für Gehörlose nicht sofort wieder auseinander laufen, sondern dass dann noch intensive Gespräche geführt werden.
Die einzelnen gehörlosen Gemeindeglieder wohnen zu verstreut, als dass eine Gehörlosengemeindearbeit jeweils vor Ort möglich wäre. Deshalb gibt es vor allem Angebote auf Bezirks- und Landesebene. Die Gottesdienste werden somit zu zentralen Treffpunkten. Konfirmationen finden oft in Gehörlosenschulen statt, mit denen Karin Haag einen regen Austausch pflegt. Auf persönlichen Wunsch kann ein Konfirmand jedoch auch in seiner Heimatgemeinde konfirmiert werden. In solchen Fällen übernimmt Karin Haag die Funktion einer Dolmetscherin.
In einem regulären Gottesdienst für Gehörlose gibt es zwar keine Musik und keinen Gesang, aber doch einen Gebärdenchor, der mit Bewegungen "singt". Taubblinden wird die Predigt mit den Fingern in einer besonderen Zeichensprache in die Hand geschrieben. "Gelormt" sagt man dazu. Bei einem solchen Gottesdienst wird klar, dass Gehörlose dadurch, dass sie ihre anderen Sinne intensiv nutzen, nicht nur die Welt, sondern auch Gott anders wahrnehmen.
Für ihre zukünftige Arbeit wünscht sich Karin Haag, dass die Gehörlosen selbst mehr Verantwortung in der Gemeindearbeit übernehmen. Sie möchte nicht nur für, sondern auch mit ihnen arbeiten und würde sich über Gehörlose als Leiter und Mitarbeiter in der Gemeinde freuen. Ein erster Schritt dahin ist der Gebärdenchor, eine Arbeit von Gehörlosen für Gehörlose.
Karin Haags persönliches Anliegen bei ihrer Arbeit ist über all die Jahre gleich geblieben: sie möchte die Sprache der Gehörlosen sprechen und ihnen den Glauben so vermitteln, dass er bei ihnen ankommt. Besonders gefällt ihr bei dieser Aufgabe die Möglichkeit zur selbstständigen Gestaltung. So konnte sie in den vergangenen Jahren eine rege Freizeitarbeit aufbauen. Während auf der allerersten Freizeit nur sechs Teilnehmer dabei waren, kommen jetzt vier- bis fünfmal im Jahr jeweils bis zu 40 Teilnehmer.
Mirjam Schenk
Bindung in unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsstufen
16. bis 17. Oktober 2010 in der Evang. Akademie Bad Boll
Der Newsletter der Evangelischen Frauen in Württemberg erscheint zweimal jährlich.
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