Petra Ziegler, Chefredakteurin des Gemeindeblatts

Journalismus auf evangelisch

Das Jahr 2005 war ein gutes für das Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg. Die Kirchenzeitung feierte nicht nur das Jubiläum ihres 100-jährigen Bestehens, sondern mit knapp 90.000 verkauften Exemplaren auch das erste Auflagenplus "seit Jahrzehnten", wie Petra Ziegler betont.

Petra Ziegler
Petra Ziegler

Petra Ziegler ist seit 2003 Chefredakteurin des Gemeindeblatts. 98 Jahre lang leiteten württembergische Pfarrer die Kirchenzeitung. Mit Petra Ziegler wurde diese Stelle zum ersten Mal von einer nicht ordinierten Theologin besetzt. "Das war ein Politikum in der Landeskirche", erinnert sie sich, wohl wissend, dass einige Leute eine Nicht-Pfarrerin auf diesem Posten verhindern wollten. Umso mehr habe sie sich darüber gefreut, dass der Aufsichtsrat des Verlags sie einstimmig in dieses Amt wählte und Oberkirchenrat Heiner Küenzlen als Vertreter der Landeskirche dieser Wahl trotz massiver Kritik zustimmte.

Die Kunst, den richtigen Ton zu treffen

Die Chefredakteurin empfindet es als Vorteil für ihre Arbeit, dass sie keine Pfarrerin ist. Bei Konflikten mit der Landeskirche könne sie sich so eine "große Unabhängigkeit" bewahren, beispielsweise gegenüber den Vorgaben des Oberkirchenrates. Dieser hatte im vergangenen Jahr an der Aktion des Gemeindeblatts, württembergische Gottesdienste zu bewerten, Kritik geäußert - verbieten konnte er sie nicht. Petra Ziegler zog diesen ’Gottesdienst-Test' durch – nicht ohne deshalb "einige schlaflose Nächte" verbracht zu haben, wie sie anmerkt.

Diese Konsequenz zieht sich wie ein roter Faden durch das Berufsleben der 49-jährigen. "Mein Wunschberuf war schon immer Journalistin", sagt Petra Ziegler. So arbeitete die gebürtige Laichingerin nach dem Abitur als Volontärin und Lokalredakteurin bei der Schwäbischen Zeitung. Im Alter von 26 Jahren begann sie ihr Studium der Theologie, zur "großen Zeit der Friedensbewegung" zu Beginn der 80er Jahre sei sie mit vielen Pfarrern und Theologen in Kontakt gekommen, Texte von Dorothee Sölle, Heinrich Albertz und Helmut Gollwitzer wurden ihr wichtig. Die Wahl ihres Studienfaches war damit getroffen. 1989 schloss Ziegler ihr Studium in Mainz als Diplom-Theologin ab.

Ihre folgenden Jahre als "Nachrichten-Macherin" beim Evangelischen Pressedienst in Frankfurt seien wichtig gewesen, "um Personen und Strukturen der evangelischen Kirche kennen zu lernen und mit dem Milieu der evangelischen Kirche vertraut zu werden", so Ziegler. Damit war sie gewappnet für den Wechsel zum Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg im Jahr 1993.

Petra Ziegler betrachtet das Gemeindeblatt als "ein Kompetenzzentrum der Landeskirche". "Sind die Leute unsicher, rufen sie beim Gemeindeblatt an", sagt sie. Es nimmt Beschwerden über die Kirchenleitung entgegen, vermittelt Referenten und hilft bei der Suche nach ehrenamtlichem Engagement. Vor allem aber greift es Themen des öffentlichen und kirchlichen Interesses auf und bereitet sie für den Leser verständlich auf. Gewalt an Schulen, die Herkunft der deutschen Flagge und der theologische Umgang mit der Tsunami-Katastrophe waren ebenso Themen des Gemeindeblatts wie der elterliche Umgang mit schlechten Schulzeugnissen oder das Loslassen der eigenen Kinder. Dabei gehe es nicht darum, den Lesern "etwas beizubringen", sagt Ziegler bestimmt. "Journalismus ist keine pädagogische Aufgabe." Vielmehr müsse sie sich als Chefredakteurin an der Lebenswirklichkeit des Lesers orientieren und seine Fragen kennen. Dann müsse im Gemeindeblatt eben auch darüber diskutiert werden, ob Pfarrer in Turnschuhen predigen dürfen, so Ziegler.

Protestantismus und Bildung sind eng miteinander verbunden, meint Ziegler. "Themen der Demokratie, Gesellschaft und Lebenshilfe gehören zum Evangelisch-Sein dazu". Sie selbst wurde sich erst in der Fremde bewusst, was es heißt, evangelisch zu sein. Im italienischen Torre Pellice arbeitete sie 1998 ein halbes Jahr lang bei der Waldenserkirche. In diesem Milieu eines "mittelalterlichen italienischen Katholizismus’" fragte sie sich, wo die evangelische Kirche sich in den gesellschaftlichen Diskurs einmischen kann und muss. Dabei schärfte Ziegler ihr eigenes protestantisches Profil: "Ich bin evangelischer aus Italien zurückgekehrt."
In Deutschland schätze sie die Kultur der Ökumene und des offenen Dialogs. Besonders in Schwaben gebe es eine "lebendige Auseinandersetzung mit Kirche, Theologie und Tradition". Sofort sei man hier in der Diskussion, so Ziegler. In ihrer Mainzer Zeit habe sie als Kirchengemeinderätin "tolle Feste" und zusammen mit der katholischen Kirche Fastnacht gefeiert, aber auch ein gewisses Desinteresse an kirchlichen Themen festgestellt: "Dass sich dort jemand über die Predigt des Pfarrers ärgerte, kam so gut wie nie vor."

Diese Gleichgültigkeit gebe es im pietistisch geprägten Württemberg nicht, dafür aber ein "ganz weites rechtes Spektrum und ein ganz breites linkes Spektrum. Hier prallen Welten aufeinander", weiß Ziegler. Sie nehme nur ganz selten ironische Kommentare und Karikaturen ins Blatt, denn "Ironie und Satire finden die Leser des Gemeindeblatts nicht witzig", hat die Schwäbin festgestellt.

So hat die Chefredakteurin des Gemeindeblatts immer auch darauf zu achten, den richtigen Ton zu treffen – sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Dass sie mit ihren Lesern "schwäbisch schwätzen" kann, empfinde sie als großen Vorteil, stelle derselbe Dialekt doch ein großes Maß an Vertrautheit her. Nichts anderes will Petra Ziegler mit "ihrem" Gemeindeblatt erreichen: Vertrauen in die Landeskirche schaffen, nah am Leser und seinen Interessen sein und den Kirchengemeinden als Ansprechpartner dienen. In der Informationsflut soll das Gemeindeblatt dem Leser ein Anker sein, getreu dem Leitwort von Petra Ziegler aus dem ersten Timotheusbrief: "Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen."

Wolf-Dieter Retzbach


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