Regina Dipper

Ärztin der Armen

Für ihre Arbeit in der Stuttgarter Vesperkirche bekommt Regina Dipper kein Geld. Dafür sammelt sie im Umgang mit armen Menschen Erfahrungen, die für sie unersetzlich sind.

Regina Dipper
Regina Dipper

Zwischen dem beschaulichen Leben auf Degerlochs Höhen und den sozialen Brennpunkten im Talkessel der Landeshauptstadt liegen nicht nur viele Höhenmeter, sondern "ganze Welten", wie Regina Dipper behauptet. Sie bewegt sich in beiden Welten und weiß von einer Armut zu berichten, von der viele ihrer Mitbürger nicht einmal ahnen, dass es sie in Stuttgart gibt. Dipper sitzt in ihrer kleinen, gemütlichen Arztpraxis im "heilen Degerloch" und erzählt davon, dass man in diesem Stadtteil "eine Prise Drogen- und Integrationsprobleme" habe. Doch das, was sie in der Vesperkirche erwarte, sei eine "ganz andere Dimension". Im Herzen Stuttgarts erlebe sie jeden Winter extreme Formen der Armut, Sucht, Einsamkeit und deren gesundheitliche Folgen.

"Ich möchte etwas zurückgeben von meinem Wohlstand"

Hier beginnt die ehrenamtliche Arbeit von Regina Dipper. Seit sechs Jahren behandelt die Ärztin an zwei Nachmittagen und im Wechsel mit bis zu acht Kollegen Gäste der Vesperkirche. Diese finanziere sich zu hundert Prozent aus Spendengeldern, die auch zum Kauf von Medikamenten und Verbandsmaterial verwendet werden, erklärt Dipper. Die Leonhardskirche im Zentrum Stuttgarts wird für neun Wochen zum Ort der Hilfe für Wohnsitzlose, Drogenabhängige, Alte, aber auch für junge überschuldete Familien. Es gibt täglich eine warme Mahlzeit, Vesperpakete, medizinische Versorgung und juristische Beratung.

Die Lebensläufe der Menschen seien so facettenreich wie ihre Krankheitsbilder, hat Dipper festgestellt. Um Haut- und Erkältungskrankheiten kümmere sie sich in der Vesperkirche ebenso wie um Sucht- und Aidserkrankungen. Menschen, die "schlechten hygienischen Bedingungen und im Winter der Kälte ausgesetzt sind", würden am häufigsten zu ihr kommen. Andere wollten sich einfach nur den Blutdruck messen lassen und dabei das Gefühl genießen, von einem Menschen umsorgt zu werden. Wieder andere suchten ein persönliches Gespräch. Zum Abschied werde sie auch mal in den Arm genommen oder sie bekommt eine Blume - als Dank für ihre medizinische Hilfe, aber auch für ihre Rolle als Zuhörerin.

An ihrer ehrenamtlichen Arbeit in der Vesperkirche schätze sie den Umgang mit Menschen, denen es nicht so gut geht wie ihr selbst. Als Mensch, der "einen sicheren Arbeitsplatz hat, in einer guten partnerschaftlichen Beziehung lebt und zwei gelungene Töchter hat", möchte sie etwas zurückgeben von ihrem Wohlstand. Dass sie dies in der Vesperkirche tue, liege an ihrem persönlichen Kontakt zu Diakoniepfarrer Martin Friz, dem "Vater der Vesperkirche". Außerdem habe sie eine familiäre Verbindung zur Leonhardskirche, weil der Großvater ihres Mannes hier als Pfarrer gewirkt habe.

Ihre medizinische Hilfe gehe nicht über den Augenblick hinaus, und mehr werde von den Gästen der Vesperkirche auch nicht erwartet, sagt Dipper. "Ich mache nur ein Angebot, und manchmal mache ich das Angebot auch verkehrt". Dies geschehe meistens dann, wenn sie einem Besucher gegenüber nicht die richtigen Worte finde oder ihm zu nahe komme. Für die Ärztin gilt es "zu spüren, welches Maß an Nähe der Patient erträgt, wie jemand zur Tür hereinkommt, wie und in welcher Entfernung von mir sich jemand hinsetzt". So würden sich manche Gäste der Vesperkirche ihrer ärztlichen Hilfe auch verweigern. Wie jener Mann, der große Gelenkprobleme hat und im Winter nicht mehr in seiner geliebten Hütte campieren kann, sondern im Männerwohnheim wohnen muss. "Der will nicht hören, was ich ihm sage", erzählt die Ärztin. Suchtkranke wiederum würden ihre Abszesse oft nicht wahrnehmen, "sie trennen ihre Krankheit geistig ab". Wo die Sucht den Schmerz verdränge, würden auch ihre Ratschläge nicht angenommen. "Das muss ich respektieren, da kann ich nicht das große Helferrad drehen", so Dipper.

Bei ihrer Arbeit müsse sie sich immer hinterfragen: "Biete ich das Richtige an, und biete ich es richtig an?" Dieses Abwägen zwischen medizinischer Notwendigkeit und persönlichem Umgang sei eine Herausforderung für sie, und "ein Grund, warum ich gerne in der Vesperkirche arbeite", erzählt Dipper. Ein anderer Grund sei die Zusammenarbeit mit den anderen Helfern. Jedes Jahr freue sie sich darauf, in "diesem Team mitarbeiten zu können, Zeit füreinander und zum Austausch mit Menschen zu haben, die ich sonst das ganze Jahr über nicht sehe".

In der Vesperkirche sei sie mit Schicksalen konfrontiert, denen die Ärztin in ihrer Degerlocher Praxis nur selten begegne. "Da habe ich den Wunsch, mehr über diese Menschen zu wissen." Freundschaften würden dabei nicht entstehen, erzählt Dipper, doch werden ihr die Menschen und Gesichter von Jahr zu Jahr vertrauter. Einige ihrer Patienten aus der Vesperkirche hätten sogar schon den Weg in ihre Arztpraxis gefunden.

Sie selbst wird auch in diesem Winter wieder Mullbinden, Tabletten und Salben bereithalten für die Gäste der Vesperkirche. Dann wird sie wieder zwischen zwei Welten pendeln. Und wie jedes Jahr werde sie sich auf den Satz freuen, mit dem mancher Besucher der Vesperkirche sich von ihr verabschiede: "Ich hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr wieder."

Die Vesperkirche in der Stuttgarter Leonhardskirche wird in diesem Jahr am 15. Januar mit einem Gottesdienst eröffnet und bis 18. März täglich geöffnet.

Wolf-Dieter Retzbach


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