Für Menschen hat sich Roswitha Haury schon immer interessiert. Deshalb wurde die Ludwigsburgerin Lehrerin und unterrichtete bis zu ihrer Pensionierung Englisch und Geschichte an einem Gymnasium.

Und deshalb entschied sie sich auch, sich ehrenamtlich beim kirchlichen Dienst im Gefängnis zu engagieren. Seelsorge für Gefangene, das ist Arbeit für eine Randgruppe, für Menschen von denen man nichts weiß – eine ungewöhnliche Entscheidung: "Ich wollte eben auf keinen Fall was mit Kindern machen, mit denen hatte ich in meinem Beruf den ganzen Tag zu tun", begründet die Haury ihren Entschluss.
Begonnen hat alles mit einem Gottesdienst an Heilig Abend vor knapp 20 Jahren, damals kam Haury zum ersten Mal mit Gefangenen ins Gespräch und stellte fest, "dass nicht alle Klischeevorstellungen stimmen, die man sich von Menschen macht, die im Gefängnis sind". Eine Erkenntnis, die sich in den Jahren immer wieder bestätigte, in vielen Gesprächen und Begegnungen mit Gefangenen. 1985 begann Roswitha Haury als Mitarbeiterin beim kirchlichen Dienst im Gefängnis, vor vier Jahren lies sie sich dann zur Seelsorgehelferin ausbilden. "Manchmal war gar nicht klar, was mein Hauptberuf war – der in der Schule oder dem im Gefängnis", erzählt die Pädagogin und schmunzelt.
In ihren Gesprächen mit den Inhaftierten ist es der energischen 64-Jährigen immer wichtig, "auf Augenhöhe" mit ihren Gegenüber zu sein: "Wir sind nicht wirklich besser als diese Menschen", sagt sie und legt langsam die Hände ineinander, "wir haben uns nur besser im Griff". Trotzdem, der Besuch im Heimsheimer Gefängnis, in dem sie zurzeit arbeitet, ist für Roswitha Haury jedes Mal der Schritt in eine andere Welt, eine Welt, die sie nach ein paar Stunden auch wieder verlassen kann. "Als ich die Haftanstalt zum ersten Mal betrat, habe ich mich komisch gefühlt", erinnert sie sich. Vor allem "die Schließerei" habe sie anfangs genervt, Sicherheitsmaßnahmen seien zwar nötig, aber "das bremst einen eben auf dem Weg". Sie lächelt.
Anfangs sei es auch schwer gewesen, mit Straftaten wie Mord, Vergewaltigung oder schwerem Raub zu Recht zu kommen, gibt sie zu. Inzwischen aber wisse sie, dass es prinzipiell nichts gäbe, zu dem der Mensch nicht fähig sei. Aber: "Angst hatte ich nie", sagt die pensionierte Lehrerin entschieden.
Auch dann nicht, wenn sie mit einem Gefangenen allein ist: Die Seelsorgehelferin bietet Einzelgespräche an – im Schnitt betreut sie vier Gefangene - und arbeitet zusammen mit dem Gefängnispfarrer in einer Gruppe mit sechs Häftlingen mit. Ihr Ziel: Sie will zeigen, dass es ein Leben außerhalb des Knasts gibt und Themen, die mit dem Gefängnisalltag nichts zu tun haben: Die Gefangenen seien zwar eingeschlossen, aber es sei wichtig, "die geistige Freiheit nicht zu verlieren". Deshalb spricht sie mit den Häftlingen über ausgewählte Bibelstellen, aber auch über aktuelle Ereignisse, Themen psychologischer Art und "natürlich auch über persönliche Probleme".
Denn das Leben hinter Gittern ist voll von Ängsten: Wie geht es meiner Familie? Was passiert mit meiner Ehe? Wie sieht meine Zukunft aus. Und die Seelsorgehelferin hört zu. "Das sind Wahnsinnsschicksale", sagt sie. Was ihr hilft, damit fertig zu werden? "Der Glaube, dass Gott niemanden fallen lässt", sagt sie. Und dieser Glaube ist für Haury auch die Motivation, sich mit den Gefangenen auseinander zu setzen, "wer das nicht glaubt, sperrt diese Menschen einfach weg und kümmert sich nicht um sie", meint sie. Roswitha Haury aber glaubt an die Liebe Gottes und diesen Glauben gibt sie auch an die Gefangenen weiter - für die Christin keine Einbahnstraße: Die Begegnungen mit den Gefangenen hätten ihr auch selbst etwas gebracht, "Erkenntnis über mich selbst", sagt sie nachdenklich.
Angelika Hensolt
Bindung in unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsstufen
16. bis 17. Oktober 2010 in der Evang. Akademie Bad Boll
Der Newsletter der Evangelischen Frauen in Württemberg erscheint zweimal jährlich.
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