Schwester Ursel Pfeifle ist Vorurteile gewöhnt. Von merkwürdigen Fragen lässt sich die Oberin der Evangelischen Diakonissenanstalt in Stuttgart deshalb nicht aus der Ruhe bringen.

Die Lebensform der Diakonissen, das weiß sie aus zahlreichen Gesprächen, ist vielen Menschen fremd. "Ist eine Diakonisse eine evangelische Nonne?" Das sei nicht ganz präzise ausgedrückt, antwortet sie und erklärt, Diakonissen legten kein Gelübde ab, sondern würden eingesegnet. Dabei entscheiden sie sich für ein Leben in der Frauengemeinschaft –"mit dem Zusatz: Wenn Gott uns nicht anders führt".
Immer wieder habe es auch Diakonissen gegeben, die irgendwann doch geheiratet hätten. "Fahren Diakonissen in den Urlaub?" Die Schwester lacht. "Natürlich", sagt sie dann, "ich war dieses Jahr schon". "Haben Sie immer diese Tracht an?" Schwester Ursel zupft an ihrem blauen Kleid und erklärt, dass Diakonissen in ihrer Freizeit die Kleidung tragen können, die ihnen gefällt. "Dürfen Diakonissen Schwimmen gehen?" Wieder lacht die 61-Jährige und sagt dann energisch: "Im Grunde dürfen wir alles – aber manches tun wir eben nicht." Sie erklärt, die Schwestern hätten sich eine Berufsordnung gegeben.
Seit 1968 ist Schwester Ursel Diakonisse und gehört damit zur jüngeren Generation der Schwestern. "Nachwuchs haben wir so gut wie keinen", erzählt die Frau mit der kleinen weißen Haube, "die meisten unserer Schwestern sind Feierabend-Schwestern, das heißt, sie sind im Ruhestand". Von 208 Schwestern sind nur noch neun im Berufsleben aktiv, viele aber engagieren sich weiterhin ehrenamtlich. Ein Trend, der in allen Diakonissen-Mutterhäusern in Württemberg zu beobachten ist. Die Mehrheit von ihnen ist wie das Stuttgarter Haus im Kaiserswerther Verband deutscher Diakonissen-Mutterhäuser e.V. organisiert. Dazu gehören das Diakonissenmutterhaus der Olgaschwestern in Stuttgart und Einrichtungen in Schwäbisch Hall, Weinstadt, Kehl-Kork und Schwanau-Nonnenweier. Auch in diesen Häusern sind fast alle Schwestern im Ruhestand. Nachwuchs? Meistens Fehlanzeige.
"Die Zeiten haben sich eben geändert", meint Schwester Ursel nüchtern. Die Entscheidung für die Lebensform der Diakonissen sei eine aufs ganze Leben angelegte, "heute werden Pläne viel kurzfristiger gemacht". Die Diakonissen, wie sie heute noch in den Mutterhäusern leben und arbeiten, wird es deshalb irgendwann wohl nicht mehr geben. Eine traurige Entwicklung? "Natürlich", antwortet die Oberin und fügt hinzu, sie sei noch immer überzeugt von dieser Lebensform. Auch die alten Schwestern schauen ihrer Meinung nach zufrieden und glücklich auf ihr Diakonissenleben zurück, "eine Lebensform, die ihnen ein geordnetes, geregeltes und versorgendes Leben ermöglicht hat und ermöglicht".
Doch die Schwesternschaft hätte sich der Entwicklung gestellt, den Trauerprozess habe man bereits hinter sich. "Viele junge Menschen finden es gut, wie wir leben. Sie haben große Hochachtung davor", erzählt Schwester Ursel. Den letzten Schritt aber, den Eintritt in die Lebens- und Glaubensgemeinschaft der Diakonissen, tun nur ganz wenige. "Die letzte Einsegnung hatten wir 1985, damals wurden zwei Diakonissen aufgenommen."
Diakonisse sein, das bedeutet, sein Leben unter das Motto "Zum Leben helfen - zum Helfen leben" zu stellen, auf Ehe und eigene Familie zu verzichten und in christlicher Gemeinschaft mit anderen Schwestern zu leben. "Spiritualität und Arbeit in der Pflege gehören bei uns zusammen", meint Schwester Ursel und erklärt, die meisten Schwestern arbeiten bis zum Ruhestand in der Krankenpflege in Krankenhäusern und Gemeindestationen und in der Altenpflege. Genau diese Mischung hat die damals 20-Jährige gereizt, als sie sich entschied, Diakonisse zu werden. "Klar habe ich auch einmal von einer Familie mit mindestens sechs Kindern geträumt", sagt sie und lacht wieder. Doch die Entscheidung, darauf zu verzichten, sei ihr nicht schwer gefallen, "nachdem der Funke übergesprungen war". Ein viel größeres Problem für die junge Frau war damals der Verzicht auf modische Kleidung, "die Tracht war sehr dunkel und ich mochte gerne Farben und war auch sehr modebewusst". Seit ihrem Eintritt aber hat sich die Tracht glücklicherweise verändert, "die neue mag ich sehr gerne", erklärt die Diakonisse.
Bereut hat sie die Entscheidung, ihr Leben in die Nachfolge Christi zu stellen, noch nie, doch der Spagat zwischen dem Leben in einer Gemeinschaft und dem als Individuum sei nicht immer leicht gewesen. "Ich war immer ein sehr freiheitsliebender Mensch", meint sie und erzählt von zahlreichen "kleinen Aufständen", die sie im Laufe ihrer Diakonissenzeit schon geprobt hat. Gerne würde sie sich jetzt den Fragen und Anliegen der jüngeren Generation stellen und gemeinsam mit jungen Frauen überlegen, wie ein Leben als Diakonisse in der heutigen Zeit aussehen könnte. "Ich könnte mir gut vorstellen, dass da etwas Neues entsteht".
Doch auch wenn die Diakonissen vergeblich auf Nachwuchs warten, aussterben wird ihre Einstellung zum Leben und zum Glauben nicht. Seit 1939 gibt es so genannte Verbandsschwestern, heute werden sie Diakonische Schwestern genannt. Diese leben nicht in der Frauengemeinschaft und auch nicht ehelos, aber sie fühlen sich den Grundsätzen der Diakonissen verpflichtet. Seit 1984 werden auch Männer in die Schwesternschaft aufgenommen und die Verbandsschwesternschaft nennt sich "Gemeinschaft Diakonischer Schwestern und Brüder". 414 Frauen und 49 Männer haben sich dieser Gemeinschaft im Stuttgarter Mutterhaus angeschlossen, von den 339 berufstätigen ist rund ein Drittel im Diakonie-Klinikum beschäftigt, "sie tragen unseren Geist weiter", sagt Schwester Ursel.
Angelika Hensolt
Bindung in unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsstufen
16. bis 17. Oktober 2010 in der Evang. Akademie Bad Boll
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