Lebenslinien von vier Frauengenerationen
Die Urgroßmutter Mary Briand entstammte einer nach England emigrierten Hugenottenfamilie. Mit 34 Jahren - nachdem sie 8 Kinder geboren hatte, wurde sie plötzlich Witwe. Fünf Söhne starben im Kindesalter, nur drei Töchter überlebten. Ihr Mann, auf Jamaika geboren, hatte im Osten von London eine Arztpraxis vor allem für die dort lebenden Tagelöhner gegründet. Nach einem nächtlichen Patienten-Besuch war er in einem Schneesturm umgekommen. Das kleine Vermögen, das er hinterließ, reichte nicht, um die Töchter in ein Internat zu schicken. Da hörte sie von deutschen Tagesschulen, auch für Mädchen, verkaufte alles, was sie hatte und zog - ohne Sprachkenntnis und ohne Beziehungen zunächst nach Leipzig (bekannt durch Mendelssohn) und dann nach Stuttgart, wo das Olgastift die Mädchen aufnahm. Die älteste Tochter wurde meine
Großmutter. Sie durfte nach einer Scharlacherkrankung, die sehr angegriffene Augen zurückließ, die gotische Schrift der deutschen Sprache nicht mehr erlernen, sodass sie später ihre beiden Kinder mit englischen Märchen und Geschichten, besonders aber mit der englischen Bibelsprache erzog.
Der 1.Weltkrieg war ein Schock. Sie erblindete völlig und ihr einziger Sohn war 5 Jahre in englischer Gefangenschaft. Der Sohn ihrer Schwester fiel im Kampf gegen Deutschland bei Verdun.
1922 erkrankte mein Großvater an Krebs und hinterließ mitten in der Inflation seine blinde Frau, die völlig abhängig war von ihrer Tochter, die deshalb nie eine Berufsausbildung erhalten hatte.
Diese Tochter wurde meine
Mutter, die einen Witwer heiratete. Die blinde Großmutter lebte mit uns. Bei ihr lernte ich die englische Sprache zu lieben und die englische Gebetssprache wurde mir vertraut. Sie starb 1933, als ich 10 Jahre alt war. 1938 starb auch mein Vater und bald darauf erkrankte meine Mutter immer häufiger. Kein Arzt konnte ihr helfen. Die Generationen-Erfahrung von Krieg, Gefangenschaft des Bruders und Abhängigkeit der Mutter von der Tochter, die genau wie einst die Mutter, noch ohne abgeschlossene Ausbildung war, wiederholte sich. Ich war Mädchen für alles, die Tochter, die die kleine Familie während einer abenteuerlichen, heimatlosen Zeit zusammenhielt. Meine Mutter blieb, von mir betreut, bis zu ihrem Ende (1976) bei uns.
Suche nach der eigenen Lebensaufgabe - als Frau.
Wer bin ich? Was kann ich? Wo werde ich gebraucht und kann mitgestalten im Nachkriegsdeutschland? Nach den Kriegseinsätzen 1945 zunächst Aushilfslehrerin, dann Bibelschule mit Examen und Gemeindehelferin. Immer wieder Pflege der Mutter. Dann Sprachexamen in London. Der Traum, in Genf ökumenische Jugendarbeit organisieren zu dürfen, scheitert am Geld und am Gesundheitszustand der Mutter. - Da sucht der Luth. Weltdienst in Stuttgart eine Sekretärin! Gottes Fügung? Ich sage Ja. Die Familie unseres amerikanischen Partners, Prof. Dr. Solberg, werden Freunde - lebenslang.
1955 Heirat mit einem Ingenieur. Die Welt der Technik und Naturwissenschaften erweitert meinen Horizont, aber 'hauptberuflich' bin ich Hausfrau und Mutter von zwei Töchtern - und selbst Tochter, die für ihre Mutter da ist. Ist das alles?
Zwei Spuren sind es , die sich in einander verschlungen durch mein Leben ziehen:
- Die englische Sprache. Sie führte zum Wunsch, Brücken zu bauen und Feindschaften zu überwinden.
- Der christliche Glaube und die Art, wie er uns von unserer Mutter vermittelt wurde: tiefe Frömmigkeit aber ’Freiheit der Kinder Gottes’. Gott ist größer, als wir ihn denken können. "Alles ist euer, ihr aber seid Christi."
Diese zweite Spur führte im 3. Reich zu einer etwas aufmüpfigen Haltung, sodass ich 1937 die Schule wechseln musste und 1943 kam eine Vorladung beim Kreisleiter in Stuttgart. Seine Frage: „Warum sind Sie nicht im NS- Studentenbund?" „Weil ich zur Ev. Studentengemeinde gehöre und man kann nicht gleichzeitig Christ und Nationalsozialist sein." Er: „Wenn es nur Glaubensgründe sind, sollen Sie keine Nachteile haben!" (Das hatten wir LB Wurm zu verdanken!) - Damals ist die Studentengemeinde meine Heimat geworden. Auf sie geht die spätere Gründung der 'Altfreundeschaft der Studentengemeinde' zurück, die dann zur Evang. Akademikerschaft wurde. Und so kam es, dass ich eines Tages angefragt wurde, ob ich bereit sei, als Delegierte regelmäßig an der monatlichen Mitgliederversammlung der Frauenarbeit teilzunehmen und als 2.Vorsitzende den Verband zu vertreten.
Entdeckung der gesellschaftspolitischen Bedeutung der kirchlichen Frauenarbeit.
Bis dahin hatte ich außer dem WGT die Frauenarbeit in eher pietistisch geprägten, traditionellen Kreisen kennen gelernt, wo Frömmigkeit und Dienstbereitschaft im Vordergrund standen. Nun rückten ganz neue Perspektiven an dieser Stelle, z. B. evang. Beratungsstellen für schwangere Frauen. Warum wurde ProFamilia diskreditiert, solange es keine andere Hilfe gab? Oder die völlige Umstrukturierung der Diakonissen-Mutterhäuser und ihres Arbeitsumfeldes. - Zwar gab es jetzt endlich Pfarrerinnen, die nicht bis zu ihrem Lebensende nur Vikarinnen blieben, aber die Theologie, die man dann die "Feministische" nannte, hatte es noch lange schwer, ernst genommen zu werden - und vieles mehr.
Ich erlebte Frau R. Leuze als Vorsitzende und lernte viele andere bedeutende Frauen kennen, die aufgebrochen waren, um der Rolle der Frauen in der Kirche eine stärkere Bedeutung zu verschaffen und bei dem tiefgreifenden Wandel in unserer Nachkriegsgesellschaft mitzureden und mitzuhandeln.
Es war ein sehr ermutigender Lernprozess und ich war dankbar, dass Dr. Annelore Schmid mich noch einige Zeit mit ihren Kenntnissen und ihrem Vorbild begleitete, denn ich war in den ersten Jahren eine der Jüngsten unter den würdigen Damen. Auch hatte ich auf Grund der äußeren Verhältnisse in den Jahren 1944-1950 selbst keinen akademischen Abschluss erreicht und fand es oft peinlich, dass ich die Akademikerschaft vertreten sollte.
Die Jahre nach 1968.
Der Württ. Landesverband der EA trug damals die Verantwortung ruf 4 Studentenwohnheime und wurde tief in die Auseinandersetzungen zwischen den Generationen hineingezogen. Durch die daraus resultierenden theologischen Spannungen, die bis in die Landessynode hineinreichten, fühlten sich die ehrenamtlichen Vertreter bzw. Mitarbeiter der EA mehr und mehr überfordert. In dieser Phase zeigten besonders die Mütter Bereitschaft zum Gespräch. Deshalb lud die Ev. Frauenarbeit nach Herrenberg ein zu einer Tagung über Karl Marx und im Hospitalhof gab es eine von der EA und der Frauenarbeit gemeinsam verantwortete Veranstaltung. Dieses engagierte Verhalten der Frauen war für viele (Männer?) überraschend, auch in der Kirchenleitung, und wurde teilweise sehr skeptisch betrachtet. .
Begegnungen in Genf, März 1980 und in Moskau 1982.
Es war ein Workshop zu "Women and Militarism and its effects on children", zu dem der World YWCA zusammen mit Brigalia Bam vom ÖRK Vertreterinnen christlicher Frauen aus Europa eingeladen hatten. Da es in der BRD offiziell keinen YWCA gab, wollte es der Zufall, dass ich entsandt wurde, wobei mir die beiden Spuren meines Lebens, die englische Sprache und meine christlichen Wurzeln, die Tür öffneten. Dort war ich die einzige Deutsche - und ich zehre heute noch von diesen Begegnungen. Unter meinen Papieren, die ich nach Hause brachte, war ein kleines Faltblatt: "Women do have a history, but you must tell it!" Als ich zurückkam, war die Raketenstationierung in Mutlangen in aller Munde und in der Vertreterversammlung der EA zerstritten sich die Männer scheinbar ausweglos. Wir Frauen wanderten aus und setzten uns zusammen: "Was können wir denn tun?" Das Ergebnis war ein Wagnis: Ein Brief an das Sowjetische Frauenkomitee mit der Bitte um ein Gespräch über Wege zum Frieden. Über Prag wusste jemand einen Weg. Daheim wurden wir nicht ernst genommen - aber eines Tages kam die Einladung und im Juni 1982 flogen 27 evang. Frauen zusammen nach Moskau! Es sollte nicht die einzige Reise in die Sowjetunion bleiben und später kamen die skeptischen Männer gerne mit! 1985 gab es auch eine Reise der Württembergischen Frauenarbeit mit Frau Stöffler und Frau Schmitthemler nach Moskau und Leningrad. Ein Friedensarbeitskreis entstand und die Kontakte zu christlichen Frauen in den Ländern des Ostblocks mehrten sich. Endlich öffnete sich die Mauer und wir lösten uns auf.
Erneute Herausforderung: Der Text zum Weltgebetstag aus Palästina! 1992/93
Aufregung in der Landeskirche - Unverständnis in Jerusalem. 20 Frauen flogen nach Kreta zu einem Treffen mit den palästinensischen Verfasserinnen der Liturgie. Intensives Bemühen um gegenseitiges Verstehen. Viola Raheb, die junge Theologin aus Bethlehem, wurde weit mehr als nur unsere Dolmetscherin. Wir haben noch viel zu lernen, wo Ökumene gewagt wird. Frauengeschichte kennen zu lernen und Frauenengagement mit zu tragen hat mein Leben reich gemacht.
Rose Rauther, Sommer 2009
31. 07. - 03. 08 2010
im Salemer Pfleghof Esslingen
siehe auch unter http://www.frauen-efw.de/veranstaltungen/veranstaltungen-details.html?tx_desimplecalendar_pi1%5BshowUid%5D=177
Der Newsletter der Evangelischen Frauen in Württemberg erscheint zweimal jährlich.
Hier finden Sie die aktuelle Ausgabe vom Frühjahr 2010 als PDF.