Maria Agnes Jakob //

Mitbegründerin diakonischer Einrichtungen


Unter ihrem Name "Maria Agnes Jakob" kennt sie kaum jemand. Überall nannte man sie nur das "Bäsle". Es passte zu ihr, dieses unscheinbare, aber angenehm lautende schwäbischen Wort.


Äußerlich unscheinbar mit dunklem Kleid und spitzem Häubchen in der gewöhnlichen Tracht ärmerer Bauernmädchen gekleidet, ging von ihr eine ungewöhnliche Anziehungskraft aus: sie war eine allen sympathische Persönlichkeit, die nur Liebe und Vertrauen weckte.
Maria Agnes Jakob wurde am 3. Oktober 1800 als Jüngste von neun Kindern in Walddorf geboren. Ihre Familie war so arm, dass zwei ihrer Schwestern 1817 nach Kaukasien, Rußland, auswanderten. Sie selbst mußte bald nach der Konfirmation mit eigenen Verdienst ihren Teil zum Familienunterhalt beitragen. Sie war jedoch klein und etwas schief gewachsen und konnte daher keine gröbere Feldarbeit verrichten. Da sie nur die gewöhnlichen Dorfschule besucht hatte, wurde sie von ihren Eltern zur Näharbeit angehalten.

Als Näherin kam Maria Agnes Jakob auch fast jede Woche ins Walddorfer Pfarrhaus. Dort lernte sie Gustav Werner kennen, der seit Juli 1834 dort Vikar war. Sie, die zur Hahnschen Gemeinschaft gehörte, war von Beginn aufmerksame Zuhörerin seiner Predigten. Sie versäumte keinen Gottesdienst und nahm seine Lehrweise mit ganzem Herzen auf. So begriff sie den Glauben "als die innere Kraft zu den Werken der Liebe".

Auf Vorschlag von Gustav Werner ging sie nach Reutlingen, um die dort üblichen Strick- und Filetarbeiten zu erlernen. Auch hospitierte sie dort in einer Kleinkinderschule.

Zurück in Walddorf begann sie Oktober 1837 im Haus der Krämerin Charlotte Nagel mit einer solchen Kleinkinderschule. Es kamen so viele Kinder, dass der Platz kaum reichte. Wenige Wochen später wurde in der gleichen Stube auch noch eine der ersten württembergischen Industrieschulen aufgemacht. Mit Erfolg. Es meldeten sich über 80 Mädchen, die Maria Agnes Jakob in mehreren Gruppen Unterricht in Nähen und Handarbeit erhielten. Damit legte sie einen Grundstock für die wirtschaftliche Sicherung der späteren Anstalt.

Beim Unterricht unter beengten und schwierigen Bedingungen ging ihr bald ihre ihre fünfzehnjährigen Nichte Rosine Barbara Jakob zur Hand. Ihre Schülerinnen kamen gern zu ihr. Besonders die kleinen Kinder liebten sie und ihr Wort galt bei ihnen oft mehr als das von Vater und Mutter. Dass die Kinder fröhlich spielen durften und sogar etwas lernen konnten, rief in Walddorf die Kritik von Pietisten auf den Plan. Ihr Vorwurf war, dass Kinder so "aufs Äußerliche" geführt würden. Sie jedoch ließ sich dadurch nicht von ihrem Stil abbringen.

Ihr liebevoller Umgang mit Kindern könnte auch der Grund gewesen sein, dass Gustav Werner mit einer weiteren Anfrage an sie herantrat: Als im August 1838 die Frau eines armen Tagelöhners in Walddorf starb und sechs Kinder unversorgt waren, beschloss Gustav Werner, das jüngste der Kinder, eine Mädchen, zu sich zu nehmen. Doch allein konnte er nicht für das Kind sorgen. Er fragte, ob sie bereit wäre, das Kind in Pflege zu nehmen. Das Bäsle hatte nur ein Bett und eine kleine Kammer, aber sie sagte Ja.

Im Nachhinein schrieb Werner: "Nun fing ich mit ihr einen Haushalt an, wie man sich ihn einfacher und ärmer nicht denken kann. Die Kinder der Schule brachten fast jeden Tag irgend etwas für ‚des Herrn Vikars Kind‘. Ich bat meine gute Frau Pfarrerin, statt meines Nachtessens mir eine Maß Milch hinüberzuschicken; diese reichte dann für mich, das Bäsle und das Kind und ich aß mit ihnen zu Nacht an einem kleinen Aufschlagtisch, der herabgelassen werden musste, wenn die Kinder zur Schule kamen, da es sonst an Platz gefehlt hätte."

Als wenige Wochen später ein sechsjähriger Waisenjunge und die drei sechs bis zehn Jahre alten Söhne von Gustav Werners verarmten Bruders vor der Tür standen, half Maria Agnes Jakob auch hier. Das war der Anfang einer kleinen Anstalt. Im Backhaus, das die Gemeinde errichtete, konnten sie einen kleinen Saal mit einer Kammer beziehen. Der Saal war nacheinander Unterrichtszimmer für die Kinderschüler und die Lehrmädchen und Wohnraum für die Anstaltskinder. Letztere schliefen in einer Dachkammer; ein kleiner Vorplatz bildete zugleich die Küche.

Und dann zog sie zusammen mit Gustav Werner und zehn Kindern am 14. Februar 1840 nach Reutlingen. Dort übernahm sie die Verantwortung für die Küche, was angesichts der Mittellosigkeit der kleinen Gemeinschaft nicht einfach war. Gustav Werner notierte: "Sie ermüdete und verzagte nicht und half mir alle Schwierigkeiten zu überwinden, die Lasten des sich vergrößernden Haushaltes zu tragen und mit den sehr spärlichen Mitteln doch unsere Kinder gut zu versorgen. Ohne ihr treue Beihilfe hätte ich den wirklich schweren Anfang nicht überstanden."

Maria Agnes Jakob war nicht nur als "erste Hausgenossin" eine "treffliche Vorgängerin" für alle nachfolgenden, sondern auch "Diakonissin im vollsten Sinn des Wortes": "ihr Tun war zugleich ein wirklicher Gottesdienst". So schrieb Nane Merkh.

Bis 14 Tage vor ihrem Tod stand Maria Agnes Jakob an ihrem Platz in der Küche. Als sie am 14. Dezember 1846 als erste der Mitarbeiterinnen der aufstrebenden Anstalt starb, wurde sie tief betrauert.

In einem Lebensbild bezieht N. Merkh die Aussage über den Knecht aus Matth. 25,21 auf Maria Agnes Jakob und schreibt: "ei du fromme und getreue Magd, du bist über wenig treu gewesen, ich will dich über viel setzen."

Dorothee Schad, Pfarrerin

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