Ottilie Duvernoy //

Herzenssache - Förderung des weiblichen Geschlechts


Manche kennen noch die Bezeichnung "Duvernoy’scher Verein" für die Evangelische Hauspflege in Stuttgart. Ottilie Duvernoy hat im Jahr 1901 diesen Verein gegründet, der heute ein wichtiger ambulanter Dienst ist.


 

Was war das Besondere an dieser Frau?

Ottilie Duvernoy wirkte in Stuttgart in einer Zeit, als vieles noch nicht denkbar war, was uns heute ganz selbstverständlich ist. Zwar gab es in Württemberg keine Industrieballungen wie in anderen Ländern, dennoch geriet auch hier der vierte Stand, der der lohnabhängigen Arbeiter, zunehmend in Not. Ganz besonders schlimm traf es die Frauen.

Um die Jahrhundertwende kamen jährlich etwa 15.000 Mädchen nach Stuttgart, um als Dienstmädchen, Arbeiterinnen oder Kellnerinnen Arbeit und Brot zu finden. Allein und unerfahren waren sie der Ausnutzung durch gewissenlose Arbeitgeber, falschen Versprechungen und verlockend scheinenden Angeboten ausgeliefert und kamen in Elend und Verderben.

Noch gab es keine Gesetze zum Schutz der arbeitenden Frauen und Mädchen, keine Begrenzung der Arbeitszeit, keinen Mindestlohn, von Lohnfortzahlung bei Krankheit oder gar Mutterschutz ganz zu schweigen. Als erster bot der "Marthaverein" seit 1886 den Mädchen vom Land einen Treffpunkt am Sonntagnachmittag an. Darauf hingewiesen, lehnte aber mancher Dienstherr die Gewährung von Freizeit kurz ab – er habe das Mädchen schließlich zum Arbeiten eingestellt.

Ottilie Duvernoy hat sich die "Förderung des weiblichen Geschlechts zur Herzenssache" gemacht. Ganz besonders setzte sie sich für die Ärmsten und am meisten Gefährdeten ein, für die Gasthofgehilfinnen. Obwohl damals die Stände noch streng getrennt lebten, hielt es die reiche Kaufmannsfrau nicht für unter ihrer Würde, jedes Jahr auf dem Volksfest zum Schutz der gefährdeten und hilfesuchenden Mädchen anwesend zu sein. Sie scheute sich nicht, die verwahrlosten Unterkünfte der Mädchen zu besuchen und "den Schmutz anzufassen". Auf ihre Anregung hin entstanden ein Frauen- und ein Mädchenklub, und sie gründete ein Heim für Kellnerinnen, das Ottilienheim in der Rotebühlstraße. Sie brachte eine "Bewegung zu Gunsten der sittlichen und sozialen Hebung des Kellnerinnenstandes" in Gang.

Als Ottilie Duvernoy einmal "bei Hofe" in vornehmer Gesellschaft gefragt wurde, wie eine Dame ihres Standes und ihrer Gaben sich in derartige Niederungen begeben könne, herrschte zunächst betretenes Schweigen. Frau Duvernoy erklärte aber völlig unbefangen, sie wisse gar nicht, was alles aus ihr hätte werden können, wäre sie nicht in so bevorzugten Verhältnissen geboren und aufgewachsen.

Mit diesem Denken was sie ihrer Zeit weit voraus. Der damalige Stadtmissionspfarrer und Beauftragte für die Jungfrauenvereine, der spätere Landesbischof Theophil Wurm, nannte Ottilie Duvernoy eine Vorkämpferin christlicher Frauenarbeit.

Was wissen wir von ihrem Leben?

Ottilie Duvernoy wurde am 24. Juni 1865 als Tochter des württembergischen Regierungspräsidenten Friedrich Tüdinger und seiner Frau Julie geborene Jäger in Stuttgart geboren. Nach dem sehr frühen Tod der Mutter heiratete der Vater wieder. Mit der zweiten Mutter war Ottilie ihr Leben lang innig verbunden. Sie erlebte im Elternhaus mit der Schwester eine an Geist und Gemüt reiche, weltoffene Kindheit und Jugend. Eine erste Liebe fand keine Erfüllung, weil der Vater die Tochter – nach den Vorstellungen der damaligen Zeit – nicht einem armen Medizinstudenten zur Frau geben wollte. 1888 heiratete sie mit 23 Jahren den wesentlich älteren Stuttgarter Kaufmann Julius Duvernoy. Er war ihr ein gütiger, verständnisvoller Partner, der ihr soziales Engagement unterstützte, indem er sein beträchtliches Ver-mögen und seinen Einfluss dafür zur Verfügung stellte.

Ottilie Duvernoy liebte es, ihr Heim zu schmücken und Gäste – aus allen Ständen – zu haben. Wenn ihr etwas gefiel aus Kunst oder Handwerk, kaufte sie gleich viele Exemplare da-von zum Schmuck ihres Hauses, zum Verschenken und wohl auch, um den Verkäufer zu unterstützen. Zwei Kinder, Sohn und Tochter, wuchsen heran, ein drittes starb bald nach der Geburt. Im Haushalt eines angesehenen Kaufmanns war selbstverständlich viel Personal beschäftigt.

Auch die Kinder hatten ihr "Fräulein", unter dem zumindest die Tochter erheblich zu leiden hatte. Daß die Mutter ihre Kinder zeitweilig sogar aus dem Haus in eine Familie in den Schwarzwald gab, können wir heute kaum verstehen. Sie aber wollte, daß die Kinder in einfacheren Verhältnissen lebten, wo nicht jeder Wunsch sofort von einem Dienstmädchen erfüllt wurde. Vielleicht erschien ihr auch das große Haus zu unruhig, vielleicht fühlte sie sich selbst zu beschäftigt mit anderem – oder war es ihre Krankheit? In der Beerdigungsansprache von Stadtdekan Keeser ist von "dunklen Schatten, die ihre Seele umgaben" die Rede, "vom finsteren Tal und vom Leid dieses Leibes und Lebens". Litt sie unter Depressionen? Mit erst 47 Jahren war ihre Gesundheit so angegriffen, daß eine Lungenentzündung ihr Leben schnell und unerwartet am 11. Januar 1912 beendete.

Eine große Trauergemeinde versammelte sich an ihrem Grab. Aus den Nachrufen können wir auf die Vielfalt ihrer Tätigkeiten schließen. Pfarrer Wurm sprach im Namen des "Vereins zur Fürsorge für Gasthofgehilfinnen", des "Vereins der Freundinnen junger Mädchen", des "Gewerkvereins der Heimarbeiterinnen" und des "Deutsch-Evangelischen Frauenbundes". Der "1. Vorsitzende des Ortskartells der christlichen Gewerkschaften von Groß-Stuttgart und Umgebung" betonte, daß Ottilie Duvernoy nicht nur auf karitativem Gebiet erfolgreich tätig war; "sie leistete auch auf dem Gebiet der Selbsthilfe Großes. Sie vertrat in der Organisationsfrage den Standpunkt, daß es in der Hauptsache das Anliegen der Arbeitenden selbst sein müsse, ihre Lage durch Zusammenschluß zu verbessern und Schäden am Beruf zu heilen". Im Namen des "Vereins für das Evangelische Arbeitersekretariat und Volksbüro" dankte ein Arbeitssekretär für ihre Mitarbeit im Vorstand. Im Auftrag vieler Kellnerinnen legte der Geschäftsführer des Städtischen Arbeitsamtes einen Kranz nieder. Mit einem Kranz dankte auch der Hauspflegeverein, den sie gegründet hatte und der noch lange ihren Namen trug.

Wie entstand die Hauspflege in Stuttgart?

Ottilie Duvernoy hatte selbst erlebt, wie entscheidend gute Pflege für die Genesung einer kranken Hausfrau und Mutter ist, aber sie sah, wie oft das nicht gewährleistet war, und sann auf Abhilfe.

Zunächst stellte sie auf ihre eigenen Kosten eine "zuverlässige Pflegefrau" an und vermittelte sie an Familie, in denen "die Krankheit der Mutter eine vorübergehende Stellvertretung drin-gend verlangte". Die Nachfrage war groß, schon im dritten Jahr waren es zwölf Pflegerinnen, denen mit dieser Arbeit auch zu einer gesicherten Existenz verholfen werden konnte. 1905 schrieb Frau Duvernoy an eine Kirchengemeinde, die sie um einen Geldbeitrag bat: "Die ‘Hauspflege‘ ist ja gewissermaßen ein Privatunternehmen von mir mit Unterstützung von befreundeter Seite und hervorgegangen aus dem Bestreben, unbemittelten Kreisen (jenen kleinen Angestellten, welche keine Dienstboten halten können) in Zeiten einer Erkrankung der Hausfrau häusliche Hilfe angedeihen zu lassen".

Die Sicherung der Löhne machte viel Mühe. Ottilie Duvernoy wollte, daß die betreuten Familien einen Beitrag zur Bezahlung der Pflegerin leisteten. 50 Pfennig pro Tag wurden festgelegt, das war ein Drittel des Pflegelohnes. Wo dieses, besonders bei kinderreichen Familien, nicht möglich war, bat Frau Duvernoy die Parochial-Krankenvereine um Hilfe. Die "Generaldirektionen der Württembergischen Eisenbahnen sowie der Posten und Telegraphen", an die Ottilie Duvernoy sich mit einer Eingabe gewandt hatte, stellten die Unterstützung ihrer Ange-stellten in Aussicht. 1907 erklärte sich auch die Verwaltung des Stuttgarter Dragonerregiments bereit, "die für ihre Untergebenen erstehenden Pflegekosten auf eigene Kasse zu übernehmen".

Zwei Drittel des Taglohnes von damals 1.50 Mark aber mußten durch Spenden, Legate und Jahresbeiträge vom Verein zusammengebracht werden. Frau Duvernoy war unermüdlich im Suchen und Finden von Gönnern und Spendern. 1903 umfaßt die Spenderliste schon 200 Namen. Angeführt wird sie von "Ihrer Kais. Hoheit Frau Herzogin Wera von Württemberg", und manch anderen bekannten Stuttgarter Namen kann man dort finden. Ottilie Duvernoy achtete auch darauf, daß die Grenzen der Hilfsmöglichkeit des Hauspflegevereins eingehalten wurden. So sollte eine Pflegerin nie länger als 3-4 Wochen in einer Familie sein. War längere Pflege nötig, mußte eine Dauerpflegerin gefunden werden.

Als am 30. Mai 1911 der Verein – gerade auch ins Vereinsregister eingetragen – sein zehn-jähriges Bestehen im festlich geschmückten Saal des Hotels Herzog Christoph feiern konnte, begrüßte Ottilie Duvernoy Gäste, Mitarbeiter und 20 Pflegerinnen und dankte für die Unterstützung und die Arbeit in diesen zehn Jahren. Zur Weihnachtsfeier im selben Jahr, die für alle Mitarbeiter wie immer im Haus Duvernoy stattfand, sandte sie aus der Erholungskur in Freudenstadt ein Telegramm mit "Grüßen dem ganzen lieben Hauspflegeverein". Niemand ahnte, daß dies der letzte Gruß war.

Julius Duvernoy führte den Verein ganz im Sinn seiner Frau weiter, bis zu seinem Tod 1919. Danach war ihr Sohn Fritz Duvernoy, damals Arzt in Tübingen, viele Jahre lang als 2. Vorsitzender tätig. Ottilie Duvernoy hatte noch an mehreren anderen Orten bei der Gründung von Hauspflegen mit gutem Rat geholfen, gab es doch vor dem Stuttgarter Hauspflegeverein nur in Frankfurt eine ähnliche Einrichtung.

Heute ist Haus- und Familienpflegerin ein anerkannter sozialpflegerischer Beruf, für den eine gründliche, staatlich geregelte Ausbildung gefordert wird. Die Ideen der Ottilie Duvernoy sind erhalten geblieben. Beim Studium ihrer Berichte aus den ersten Jahren des Hauspflegevereins staunt man darüber, wie "modern" sie gedacht hat und wie ähnlich die Probleme und Aufgaben bis heute geblieben sind.

Mechthild Keyser, 1984, Vorsitzende der Ev. Haus- und Familienpflege Stuttgart e. V.
aus: "Initiativen - Lebensbilder evangelischer Frauen"

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