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Glaube und Humor //


Im Bereich der offenen Frauenarbeit setzen sich Frauen mit dem Erleben von Kirche und ihren eigenen kirchlichen Erfahrungen auseinander. Dafür braucht es geschützte und zugleich inhaltlich offene Räume, in denen neue Formen von Spiritualität erlebt werden können.


Clownerie und Glaube

Humor hat mit Spiritualität zu tun, die in den Clownskursen eine wichtige Rolle spielt.
 Es gelingt, wonach wir oft suchen: Grundbegriffe des christlichen Glaubens wie Gnade, Freiheit, Rechtfertigung, Verantwortung, Segen neu für sich und mit der Gruppe zu entdecken Humor ist mehr als lachen – wobei das ja auch schon für sich selbst genug ist. In der Clownsarbeit geht es um die Bewegung des Öffnens. Humor ist immer auch frech – er lädt ein zum Spiel mit Status, Macht und Hierarchien, zur Entdeckung neuer Möglichkeiten, zum Staunen – zum Spiel mit allem, was da ist.

Ein Gespräch mit Ariella Pavoni, Referentin Offene Arbeit

Was bedeutet für Sie Humor im Alltag?


Der Alltag ist ja gekennzeichnet durch Routinen, Rhythmen und Rituale. Ich stehe morgens auf, geh ins Bad, stell mich auf die Waage, stelle fest: es hat sich nichts verändert, gehe in die Dusche, schau in den Spiegel, überprüfe, ob die Ringe unter den Augen noch da sind ... ja, alles da. Ich könnte auch anders aussehen, wenn ich mehr an die frische Luft ginge, ein bisschen die Wangen tätscheln,Tönungscreme drauf machen würde. Noch ein Blick in den Spiegel: Du wirst älter! Du musst was ändern! Ich geh zum Kleiderschrank ... was ziehe ich heute an? Und wieder: Aufstehen, Waage, Dusche, Spiegel, Ringe, Fragen ... das Spiel geht weiter. Irgendwann ist mir aufgefallen, was ich da eigentlich mache, und ich musste über mich selbst lachen: Wozu eigentlich die Waage? Warum nicht mit dem Kaffee beginnen? Oder mal für eine Weile den Spiegel mit einem schönen Foto tauschen? Humor im Alltag bedeutet für mich, eine andere Brille aufsetzen.

Im Urlaub zum Beispiel nehmen sich manche die Zeit, im Café zu sitzen und die Leute zu beobachten. In dieser entspannten Haltung fällt ihnen dann manches Komische auf. Gangarten, Gespräche, Begrüßungen ... Einfach, weil die Sinne offener sind und der Blick weiter. Humor hat mit Wahrnehmung und Sehschärfe zu tun. Diese Unterbrechung können wir auch ganz bewusst im Alltag machen. Zum Beispiel einfach mal die Rolltreppe rauf- und runterfahren,etwas tun ohne Zweck, ohne Sinn und Ziel … Der Alltag bietet eine Menge Gelegenheit, Komik zu entdecken.

Für Sie persönlich spielt Humor im Alltag eine wichtige Rolle. Wie ist denn die Resonanz Ihrer Mitmenschen auf Ihre humorvolle Haltung?

Positiv. Das heißt, die meisten spielen einfach gerne mit. Und umgekehrt geht es mir so, dass ich mir selbst mehr erlaube, die Impulse, die von meinen Mitmenschen kommen, aufzugreifen. Das kann ein Lächeln sein, ein Blick, eine Geste, Worte … Ich gehöre zum Beispiel zu den Menschen, die bezüglich ihrer Emotionen eher lage-orientiert sind: Das heißt, ich neige dazu, in manchen Gefühlslagen hängen zu bleiben. Die Beschäftigung mit der Clownerie hilft mir, schneller wieder aus diesen Mustern rauszukommen. Im Clownstheater geht es ja viel um Präsenz, im Körper sein, um Wahrnehmung und Spontaneität.

Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Meine Kolleginnen zum Beispiel lassen sich, wenn man so will, leicht zum Lachen verführen. Ich denke, es gibt einfach ein großes Bedürfnis nach Leichtigkeit und Aufatmen, nach Distanz zum Ernst des Lebens, von dem wir alle genug erleben. Die Angebote, die ich mache, werden schnell aufgenommen, beispielsweise wenn ich Gefühle oder Stimmungen, die in der Luft liegen, während einer Teambesprechung zum Ausdruck bringe, sie übertreibe. Das ist wie ein Ventil, das wieder Luft schafft. Insofern ist es leicht bei der Arbeit, wo die Beziehungen weitgehend geklärt sind. Die Akzeptanz und der gemeinsame Kontext spielen eine wichtige Rolle für den Humor.

Menschen in Ihrem Umfeld wissen, dass Sie von Berufs wegen humorvoll sind. Wie reagieren aber andere, die das nicht wissen?
Bei Menschen, zu denen ich eine größere Distanz habe, bin ich vorsichtiger. Ich bin in verschiedenen beruflichen Rollen unterwegs und nicht immer ist es sinnvoll, zu sagen, dass ich auch Clownin bin.Zumindest nicht am Anfang. In Seminaren versuche ich zum Beispiel, erst mal eine lockere Atmosphäre herzustellen. Die Teilnehmenden müssen sich sicher sein können, dass ihnen nichts passiert und dass niemand für eine Meinungsäußerung abgekanzelt wird. Der Rahmen muss stimmen. Erst wenn ich den Kontakt hergestellt habe, kann ich ein bisschen mehr wagen: mal einen Witz machen, eine Körperübung einbeziehen, ein Lied mal in einem anderen Rhythmus singen oder ein Blatt in die Luft pusten, wenn es zum Thema passt. Man muss authentisch sein und den Mut haben, sich zu zeigen, das schafft Vertrauen. Trotzdem bleibt ein Restrisiko – aber das macht das Leben ja gerade auch reizvoll und spannend.

Vielleicht noch ein Beispiel aus den Aktionen in Schwäbisch Hall während der Sommerwoche Clownerie: Ich habe mich in meiner Clownsfigur Elfriede – ohne rote Nase – in die Tiefgarage eines Parkhauses gestellt, neben die Schranke und den Automaten, in den man die Karte zur Ausfahrt hineinstecken muss, damit die Schranke aufgeht. Ich hatte einen Stempel mit dem Wort »FREIHEIT« bereit und den Autofahrern und -fahrerinnen angeboten, für sie ihr Kärtchen einzuschieben und ihnen mit dem Stempel »FREIHEIT« eine gute Fahrt in die Freiheit gewünscht. Die meisten haben sich über die Unterbrechung gefreut und sich den Stempel irgendwo auf die Hand drücken lassen. Manche waren zunächst misstrauisch, aber ich konnte durch die Autoscheibe nicht sehen, ob sie freundlich gesonnen waren oder nicht. Das heißt, ich habe freundlich gelächelt – auf Risiko – und meine ganze positive Energie in diesen kurzen Kontakt gegeben. Damit will ich sagen, es ist auch ein Stück Liebesmüh, so ganz offen in eine Begegnung hineinzugehen und quasi einen Vorschuss anzubieten. Wenn wir in Kontakt gehen, gerade auch unterwegs mit Fremden, halten wir uns in der Regel bedeckt oder vorsichtig, wir gehen kein großes Risiko ein, checken ab.

Die Clownerie setzt die Energie auf die Freundlichkeit der Menschen – und öffnet so viele Türen. Ein anderes Beispiel, ohne die Clownerie jetzt bewusst einzusetzen: Haben Sie schon mal versehentlich jemandem gewunken? Mit unseren Nachbarn hat sich zum Beispiel ein freundliches, lächelndes Grüßen entwickelt, weil meine Freundin ihnen versehentlich von ferne zugewunken hat. Sie dachte, es wären Bekannte, die Nachbarn dachten, sie wären gemeint und haben sich richtig gefreut.

Humor, wie Sie ihn praktizieren, hat auch sehr viel mit Clownerie zu tun. Ist das zwingend notwendig oder ginge es auch anders?

Für mich ist es dadurch leichter. Die Clownerie bringt die Eigen-Art des Humors mehr ans Licht. Für andere ist es vielleicht nicht so. Die zieht es mehr zum Kabarett. Ich denke, mit dem Humor ist es ähnlich wie mit der Stimme, jede beziehungsweise jeder kann singen, manche werden Profi, singen Jazz oder Arien, andere singen in Chören, unter der Dusche oder wo auch immer. Humor hat viele Facetten. Am besten findet man sein Talent durch ausprobieren und dem nachgehen, wo´s einen hinzieht.Und dann natürlich durch Übung. Die Möglichkeit, sich mal für eine Zeit lang auszuklinken und sich unter Anleitung den verschiedenen Elementen des Clownstheaters zu widmen, die Wahrnehmung zu verfeinern, sich einzuüben in die Präsenz im Körper, emotional zu sein, zu spielen, zu improvisieren, zu verstehen, warum an der oder jener Stelle gelacht wird, das ist wie ein Vollbad im Humor, aus dem man mit Energie aufgeladen wieder in den Alltag zurückkehrt. Es braucht die Unterbrechung, egal ob kurz oder lang. Das hängt davon ab, wie intensiv man in dieses Thema eintauchen möchte.

In der vorliegenden Dokumentation lernen wir ja verschiedene Clownsfiguren kennen. Was haben diese Figuren denn gemeinsam?

Gemeinsam ist das Interesse, Spiritualität und Clownerie zu verbinden. Und das gelingt über die Figuren. Das ist das besondere an dieser Art der Clownerie. Ich habe eine Figur und ich bin gleichzeitig auch Teil dieser Figur. In ihrem Kleid kann ich auch andere Gefühle und andere Ideen leben, die zu zeigen ich mich als normale Person vielleicht nicht trauen würde. Zum Beispiel Neid, Eifersucht, beleidigt sein, umständlich sein, zu lange für etwas brauchen, aber auch Begeisterung, Ekstase, Zuneigung offen zeigen, überschwänglich sein. In der Figur sind wir so ganz Mensch und gehen in Konflikte jeglicher Art hinein, die Menschen so miteinander haben können.

Aber wir bleiben nicht dort stehen, wir lassen uns verwandeln – das ist der entscheidende Punkt. Im normalen Leben verbohren wir uns manchmal in eine Haltung hinein, in unseren Figuren geht das nicht. Unsere Clownsfiguren geben die Hoffnung nie auf. Wir fangen immer wieder ein neues Spiel an, glauben an die große Kraft der Verwandlung und lassen uns von ihr mitnehmen. Und weil wir das in unserer Figur spielen, machen wir im Spiel auch eine Erfahrung: Wir erleben die Möglichkeiten, dass alles auch anders sein kann. So könnte das Leben sein, so könnte sich der Konflikt lösen. Und in diesen Verwandlungen sehen wir das Wirken der Geistkraft Gottes.

Unsere Figuren sind nicht einfach bunt, sie entstehen über Körperhaltungen, Imaginationen, Erfahrungen, Spiegelungen der anderen – eigentlich sehen wir fast normal aus. Es könnte uns so auch in der Gesellschaft geben – aber eben nur fast.

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Kontakt //

Ariella Pavoni, Referentin EFW, Telefon 0711 229363-213
ariella.pavoni(at)elk-wue.de

Veranstaltungen //

15.11.2017

ANDÄCHTIG UND MIT ROTER NASE

CLOWNERIE-WORKSHOP IM KLOSTER HEILIGKREUZTAL


11.12.2017

SPIELERISCH RHYTHMUS ENTDECKEN UND ERLEBEN

Ausgehend vom einfachen Gehen entwickeln wir über Klatschen und andere Elemente der Bodypercussion...


Links und Materialien //

 // HUMORLADEN

Die Seite lädt ein zum Stöbern in verschiedensten Beiträgen rund um das Thema Humor.

// KIRCHENCLOWNERIE

Auf dieser Seite von Dr. Gisela Matthiae können Sie sich über alles rund um die Kirchenclownerie informieren: von der Clownsethik, über Veranstaltungen und Auftritte bis zu einer Liste, in der sich spielbereite Clowninnen mit ihrem Programm vorstellen