ANDACHT ZUM MONAT JANUAR

DU WIRST FREI
ZU LUKAS 8,43-48

Und eine Frau hatte den Blutfluss seit zwölf Jahren; die hatte alles, was sie zum Leben hatte, für die Ärzte aufgewandt und konnte von niemandem geheilt werden. Die trat von hinten heran und berührte den Saum seines Gewandes; und sogleich hörte ihr Blutfluss auf. Und Jesus sprach: Wer hat mich berührt? Als es aber alle leugneten, sprach Petrus: Meister, das Volk drängt und drückt dich. Jesus aber sprach: Es hat mich jemand berührt; denn ich habe gespürt, dass eine Kraft von mir ausgegangen ist. Da aber die Frau sah, dass sie nicht verborgen blieb, kam sie mit Zittern und fiel vor ihm nieder und verkündete vor allem Volk, warum sie ihn angerührt hatte und wie sie sogleich gesund geworden war. Er aber sprach zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden! (Luther 2017)

VORBEMERKUNG
Peinliche Erlebnisse kennen wir alle. Manche sind im Nachhinein witzig, manche bleiben sehr unangenehm und schränken uns in unserem Leben ein. Vielleicht machen sie uns sogar zur Außenseiterin, weil wir versuchen, sie zu verstecken. In unserem Andachtstext aus Lukas 8 begegnen wir einer Frau, die durch die Umstände zu einer Außenseiterin wurde und in ihrem Leben sehr eingeschränkt war.
In der Andacht geht es um diese Frau, um Freiheit und um die Frage „wer bin ich denn eigentlich“?
Während der Andacht wird Zeit zur Stille und zum Austausch angeboten.

ANDACHTSTEXT


Bibeltext
Lukas 8,43-48 vorlesen (s.o.)
Man muss sich das Leben dieser Frau vorstellen: Seit zwölf Jahren war sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Denn durch andauernde Blutungen war sie nach den damaligen Regeln unrein. Das bedeutete, sie durfte nicht am gesellschaftlichen oder religiösen Leben in Israel teilhaben.
Zwölf lange Jahre war sie abgestempelt und ausgegrenzt. In ihrem Leben gab es kaum Gemeinschaft, weder mit Gott noch mit anderen Menschen. Selbst ihre Familie musste sich von ihr fernhalten, da jeder, der sie anrührte, ebenfalls „unrein“ wurde.

Viele lange Jahre war Freiheit für diese Frau nur ein leeres Wort. Sie war zum Nichtstun, zum Nutzlos-Sein verdammt.
Außerdem hatte sie ihr ganzes Vermögen für sinnlose Arzneien und leere Versprechungen ausgegeben. Sie war am Ende ihrer Kraft und ihrer Hoffnung angekommen. Eingesperrt in ein Leben, das sie so nie wollte.

Einschränkungen
Auch wir kennen Unfreiheit. Denn obwohl wir in einem freien Land leben und uns theoretisch viele Bereiche der Welt offenstehen, sind wir manchmal auch irgendwie eingesperrt. Der Grund unserer Unfreiheit ist vielleicht nicht so deutlich benennbar wie bei dieser Frau. Und trotzdem können Umstände unser Leben eng und klein machen.

Wahrscheinlich sieht das bei jeder von uns anders aus.
Aber überlegen Sie einmal:
Was macht Sie unfrei? Was schränkt Sie in Ihrem Leben ein?
Was trennt Sie vom Leben?

Stille zum Nachdenken
Anschließend kann evtl. ein Austausch zu zweit oder zu dritt stattfinden.

Auch wenn uns Jahrhunderte von dieser Frau im Lukasevangelium trennen, so teilen wir doch die Auswirkungen unserer großen oder kleinen Fesseln.
Wir sind eingeschränkt in unseren Perspektiven.
Wir können nicht frei und mutig leben.
Wir bleiben unter unseren Möglichkeiten.

Mut tut gut
Ich weiß nicht, wie viel Hoffnung diese Frau noch hatte. Vielleicht dachte sie einfach
verzagt: „Verlieren kann ich sowieso nichts mehr.“
Und so drängt sie sich durch die Menschenmenge. So kommt sie zu Jesus und fasst ihn einfach heimlich am Gewand an. Sie tut das, obwohl sie weiß, dass dies gegen jede gesellschaftliche Konvention verstößt.

Sie fasst Jesus an und er spürt mitten im Gedränge der Menschenmenge diese zaghafte Berührung. Er spürt den fragenden Glauben und die verzagte Hoffnung.
Denn im selben Moment, als sie ihn anfasst, geht eine heilende Kraft von ihm aus.
Deshalb sucht er unter all den Menschen nach dieser einzelnen Frau.
Wie wird diese Frau erschrocken sein. Erschrocken über die plötzliche, unvermutete Heilung und erschrocken darüber, dass sie nun Farbe bekennen muss. Sie muss ihre schwere Geschichte und ihr Tun vor Jesus offen legen.

Gesehen werden
Lange Zeit, um sich zu genieren, bleibt der Frau nicht. Denn Jesus sieht sie an. Er wendet sich ihr ganz zu. Er sieht ihr Leiden und ihre Unfreiheit. Er weiß um ihre Geschichte, ihre Hoffnungen und auch um ihre Enttäuschungen.
Und er möchte ihr mehr schenken als „nur“ das Ende des Blutflusses.
Er will dieser Frau – und uns auch - ein freies Leben schenken. Deshalb sagt Jesus zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden (Lk 8,48).

Dieses zweite Wunder ist genauso unglaublich wie die körperliche Heilung: Die Frau wird von einer Außenseiterin zur Tochter Gottes! Sie ist jetzt nicht mehr „die kranke Frau“, nicht mehr „die, die von Gott bestraft wurde“ oder „die, die nie dazu gehört hat“. Sie ist jetzt ein Gotteskind. Sie ist eine Frau, die von Gott geliebt wird. Jesus gibt ihr eine neue Identität. Er spricht ihr Wert und Ansehen zu.

So kann sie nun aufrecht und frei leben. Auch wenn sie das „in Frieden leben“ wohl erst wieder lernen musste. Sicherlich fiel es ihr am Anfang schwer, unter Menschen zu sein und Aufgaben zu übernehmen. Vielleicht hat sie sich auch manches Mal in die gewohnte Sicherheit ihrer Abgeschiedenheit zurückgesehnt. Das wird nicht erzählt. Erzählt wird nur, dass sie von diesem Moment an ihr Leben unter anderen, befreiten Vorzeichen leben kann.


Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden
Das sagt Jesus nicht nur zu dieser Frau, sondern auch zu uns. Er sieht auch uns an. Er kennt unsere Geschichte, unsere schmerzhaften Geheimnisse und unsere Hoffnungen. Freiheit und Ansehen möchte er uns geben, damit wir als Töchter Gottes aufrecht leben können. Die Geschichte dieser Frau kann uns dafür ein Beispiel sein.

Wir brauchen unsere peinlichen und einschränkenden Themen nicht zu verstecken. Ehrlichkeit, uns selber und Gott gegenüber, darf sein. Wir brauchen nicht so tun, als wäre alles in Ordnung, wenn nicht alles gut ist. Wir dürfen zu Jesus kommen, unsicher und auch glaubensschwach. Wie die Frau dürfen wir bei ihm Hilfe suchen. Wir können beten: „Gott, das raubt mir die Freiheit. Das schränkt mich ein. Und vielleicht kann ich nach all der Zeit gar nicht mehr glauben, dass sich daran noch etwas ändern kann. Bitte hilf du.“
Natürlich kostet das Mut. Doch wenn wir uns trauen, erkennen wir vielleicht - wie die mutige Frau -, dass sich an der Zuwendung Jesu uns gegenüber nichts ändert.
Vorher hatten wir Zeit zum Überlegen: Was macht mich unfrei? Was schränkt mich ein? Nun sind Sie eingeladen, in der Stille an Jesus heranzutreten, um ihm diese Fesseln und Lasten anzuvertrauen. Das müssen keine wohlformulierten Worte sein. Wir dürfen einfach kommen.

Stille bzw. Zeit zum Nachdenken und Beten

Meine Tochter. Geh hin in Frieden
Wie die Frau im Lukasevangelium dürfen wir Ohren und Herz aufmachen um diese Anrede zu hören. Ganz persönlich für uns! „Meine Tochter“, so spricht Jesus Sie an.
Das ist Ihre Identität. Das ist das, was Sie sind.
Wir dürfen hinhören und verstehen: Wir werden nicht von dem her definiert, was uns einschränkt, nicht von Niederlagen und nicht von Misserfolgen. Selbst das, was uns klein macht, bestimmt nicht darüber, wer wir als Mensch sind. Denn wir werden von dem her definiert, was Jesus uns zuspricht. Unser Wert, unsere Persönlichkeit, unsere Zukunft hat ihren Grund in dem, dass wir vor Gott angesehene und geliebte Menschen sind. Genau so, wie wir sind.
Das dürfen wir hören und es uns immer wieder zusprechen lassen:
„Meine Tochter! Gotteskind!“
Ich bin eine Frau, die von Gott geliebt wird.
Ich bin ein angesehener Mensch.

Auch wenn manche Fesseln hartnäckig sind und nicht sofort verschwinden, auch wenn manche Lasten wieder und wieder bei Jesu abgelegt werden müssen, so klingt doch diese Anrede, dieser Zuspruch über unserem Leben: „Meine Tochter. Geh hin in Frieden.“ Amen.

WEITERE IDEEN ZUR ANDACHT
Wenn gewünscht, kann den Frauen noch in einem persönlichen Zuspruch dieses Wort „Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden“ zugesprochen werden.
Je nach eigenem Empfinden kann dazu auch die Hand auf den Kopf gelegt werden oder vor diesem Zuspruch noch ein persönliches Gebet gesprochen werden.

AUTORIN
Stephanie Schwarz, Arbeit mit Mädchen / Schülerinnen- und Schülerarbeit / EMMAUS, Evangelisches Jugendwerk in Württemberg