Danken macht das Leben reich
Erntedank ist der Tag im Kirchenjahr, an dem es in den Gottesdiensten in besonderer Weise ums Danken geht. Die Kirchen sind an diesem Tag geschmückt. Im Altarraum ist das aufgebaut und dekoriert, was auf den Feldern und in den Gärten gewachsen ist. Dass es uns gut geht in unserem Land, ist an diesem Festtag deutlich sichtbar. Erntedank erinnert uns daran.

Aber wie ist es mit der Dankbarkeit? Stellt sie sich automatisch ein? Dankbarkeit lernen wir von Kindesbeinen an. Schon früh werden wir von unseren Eltern darauf hingewiesen, „Danke“ zu sagen, wenn wir etwas geschenkt bekommen. Dankbarkeit wird also eingeübt.

Doch neben dieser „erlernten“ Dankbarkeit braucht es auch einen sensiblen und achtsamen Blick auf das, was unseren Alltag und unser Leben bereichert. Manchmal scheint mir, dass gerade uns Erwachsenen dieser Blick verloren gegangen ist. Das Beklagenswerte, das Misslungene, das Störende wird viel eher gesehen und auch schneller ausgesprochen.

Lässt sich denn dieser Blick auf das Gute wiederfinden? So wie etwas, das nur verlegt wurde oder in Vergessenheit geraten ist?

Die Geschichte von den Bohnen, die in zahlreichen Versionen erzählt wird, kann uns diesen Blick wieder in Erinnerung rufen:

Eine betagte und weise Frau verließ jeden Morgen ihre Wohnung und spazierte zum Marktplatz ihrer Stadt. Sie trug bei diesen Spaziergängen stets den gleichen Mantel. In der rechten Manteltasche befanden sich eine Handvoll weißer Bohnen, die linke Manteltasche war leer. Immer dann, wenn ihr auf ihrem Weg etwas begegnete, worüber sie sich freute, nahm sie eine Bohne aus der rechten Tasche und legte diese in die linke: Ein Schwatz mit ihrer Freundin, ein Lächeln des Brotverkäufers, das bunte Herbstlaub an den Bäumen. So füllte sich die linke Tasche ihres Mantels. Abends nahm sie die Bohnen aus dieser Tasche, betrachtete jede einzelne ein weiteres Mal, erinnerte sich an die Begebenheiten, dankte ihrem Gott und fühlte sich reich beschenkt. 

Achtsam zu sein für die schönen, hellen und wärmenden Begegnungen und Momente – mitten im Alltag, dazu regt mich diese Geschichte an. Und dazu, diese Freudenmomente und -erinnerungen nicht für mich zu behalten, sondern sie mit dem zu teilen, dem ich sie verdanke: meinem Gott. Ich nehme mir vor, Gott öfters „Danke“ zu sagen. Nicht, weil es irgendjemand von mir erwartet, sondern weil es mir ein inneres Bedürfnis ist, angesichts all des Guten, was mir in meinem Leben tagtäglich begegnet. 

Leitfragen zur persönlichen Auseinandersetzung 
Mit welchem Blick betrachte ich mein eigenes Leben?
Wofür habe ich Grund zu danken?
Habe ich Rituale für das Danken?

Liederhinweise
Nun danket alle Gott (EG 321)
Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen (EG 266)

Gebet
Gott, du meinst es gut mit uns und wir haben viele Gründe, dir zu danken. In der Hektik des Alltags denken wir oftmals nicht daran. Der Blick auf das, was uns gerade stört oder uns bedrückt verschließt unsere Augen für das Gute in unserem Leben. Kommen wir zur Ruhe und sind aufmerksam, sehen wir das Schöne und erkennen darin deine Fürsorge. Bitte schenke uns immer wieder Momente, in denen wir dies wahrnehmen dürfen.
Amen.

Doris Schmid, Landesreferentin EFW