ANDACHT ZUM MONAT JUNI – GOTTESMOMENTE

ZU APG 17,28a

Die Andacht lädt ein, unsere Welt und den Alltag als Ort der Gottesbegegnung und Gotteserfahrung zu erspüren: „in ihm leben, weben und sind wir“. Bekannte rituelle Formen und Praxen von Spiritualität werden ergänzt durch die Straße als Ort der Spiritualität. Begegnungen mit Menschen, Situationen und Orte werden gedeutet als Zeichen für eine größere Wirklichkeit. Hier begegnet Gott als Ereignis, als Moment, als Spur. Unerwartetes, Überraschendes, Fremdes kann neue Perspektiven des Glaubens entstehen lassen.

Die Andacht ist verfasst als ein Stationenweg in Stuttgart, sie ist übertragbar auf jede Stadt und jeden Ort. Als Impuls steht die Andacht für sich oder eröffnet eine thematische Einheit. Schön ist, wenn zwischen den einzelnen Stationen Musik das Gehörte nachklingen lassen kann. Die Andacht kann auch „life“ gehalten werden, in einem gemeinsamen Weg mit entsprechenden Stationen.

Station I
Vor der Kirche eine Bäckerfiliale. Sie wirbt mit dem Slogan „Wir sind das Brot“.
Brot – das ist Grundnahrungsmittel und mehr: Brot zum Leben - Brot des Lebens. Ist Brot Produkt, Ware, Gabe, Geschenk? Und ist der, ist die, die das Brot bäckt, identisch mit dem, was sie herstellt?
„Wir sind das Brot“ – ist das schon Blasphemie, gotteslästerlich? Ist damit nicht vergessen, dass Brot, ebenso wie das Backen des Brotes, von Bedingungen lebt, die wir selbst nicht herstellen und garantieren können?

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht (Gen 8,22) – das sagt Gott seinen Menschen zu, nach der Sintflut, unverbrüchlich. Es „geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott“ – so hat es Matthias Claudius verdichtet.1

Wir sind das Brot – vielleicht doch, vielleicht anders? Ich bin das Licht der Welt – ihr seid das Licht der Welt. Ich bin das Brot – ihr seid das Brot.
Jeder Brotlaib erinnert an den Auftrag Gottes, dass Menschen satt werden sollen – an Leib und Seele. Mit gebackenem Brot aus dem Ofen und mit Brot als heilsamer Speise für den ganzen Menschen. Menschen sollen satt werden und Geschmack am Leben finden: Brot sein für Brot-lose, Brot sein für Hoffnungs-lose, Brot für die Welt, Hoffnung für die Welt.

Musik

Station II

An einer großen Straßenkreuzung in der Stadtmitte ein ebenso großes Plakat:
“Stuttgart is proud to share.” Geworben wird damit ganz profan für car-sharing. Passt das zusammen? Stolz und Teilen. „Proud to share“ - würden wir das als Kirche und Diakonie so sagen? War Martin von Tours stolz, seinen Mantel zu teilen?
Teilen stellt vor die Frage: wer gibt und wer empfängt? Von einer Verkehrung der Rollen spricht im Zusammenhang der Gastfreundschaft der algerisch-französische Philosoph Jacques Derrida: „Der Gastgeber, derjenige also, der den Gast empfängt und glaubt, Besitzer des Ortes zu sein, ist in Wirklichkeit ein Gast, der in seinem eigenen Hause empfangen wird. Er empfängt die Gastfreundschaft, die er in seinem eigenen Hause gewährt, er empfängt sie von seinem eigenen Haus - das ihm im Grunde nicht gehört.“2
Paradox des Lebens, Paradox des Glaubens: wer glaubt, zu besitzen, dem gehört nichts und wer gibt, ist der, ist die, die empfangen wird und die empfängt.
Es geht aber auch ganz einfach:
Die Menge fragte Johannes und sprach: was sollen wir denn tun? Er antwortete aber und sprach zu ihnen: wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat und wer Speise hat, tue ebenso (Lk 3, 10-11).

Musik

Station III

„Die äußere Freiheit der Vielen lebt aus der inneren Freiheit der Einzelnen“ – dieses Zitat ist verewigt im Wohnhaus des ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss auf dem Stuttgarter Killesberg, in das er sich nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit zurückzog.
Innere und äußere Freiheit, die Freiheit des Einzelnen und die Freiheit der Vielen gehören zusammen, in einem Gemeinwesen, in einer Gemeinde – und auch als eine gemeinsame Herausforderung und Aufgabe von Kirche, Staat und Gesellschaft.
Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit – das haben wir in der zurückliegenden Reformationsdekade reichlich buchstabiert und zu unserem Leben und zu unserer Welt heute in Beziehung gesetzt.
Menschen auf einem Weg zu innerer und äußerer Befreiung und Freiheit zu begleiten – in Anlehnung an die Philosophin Hannah Arendt und ihrem Verständnis von Freiheit als Sinn aller Politik - auch eine evangelisch-visionäre Sinnbestimmung von Kirche und Diakonie. Gekrümmten, in sich verkrümmten Menschen sagen: Hab keine Angst, richte dich auf und schau in die Welt. Menschen zum aufrechten Gang verlocken – der Sinn aller Kirche und Diakonie ist Freiheit?

Musik


Erfahrungen auf den Straßen einer Stadt, an Orten, wie es sie überall gibt. Wege und Orte laden ein zu einem Sehen und Hören, das über ihre Wirklichkeit hinausweist. Ihre Botschaften liegen in Begegnungen - vielleicht sind sie Gottesbegegnungen, Momente Gottes, Gottesmomente. Exerzitien auf der Straße.
„Warum Gott im Mysterium suchen, wenn er spürbar im Leben ist?“, fragt Luis Espinal, Jesuit und Journalist aus Bolivien, der 1980 ermordet wurde. Und er sagt weiter: „Die Straße ist übervoll von Christus.“3 In ihm leben, weben und sind wir.

Musik


WEITERE IDEEN ZUR ANDACHT
Gebet
Bist du es Gott
der seine Botschaften einwickelt in Zeitungspapier
der seine Engel um die Ecken der Tage schickt

Um achtsame Augen bitte ich dich
dass ich dich nicht verfehle
wenn du mir begegnest
unerwartet
anders
geheimnisvoll
nah ferner Gott
Bist du es Gott
die herniederfährt im Geistesblitz
die ihre Liebesbriefe in der Welt Netze stellt

Um aufmerksame Ohren bitte ich dich
dass ich dich nicht überhöre
wenn du mich ansprichst
überraschend
neu
verborgen
dunkel leuchtender Gott

Bist du es Gott
der sein Antlitz leiht dem Bettler wie der Braut
der des Nachts auf den Bettkanten der Mühseligen sitzt

Um ein weites Herz bitte ich dich
dass ich dich nicht einbilde in meinen Rahmen
wenn du mich berührst
im Fremden
jählings
rätselhaft
liebend immerzu

Lied

Wir haben Gottes Spuren festgestellt

Impulse zur Weiterarbeit

-- Nachdenken über Gottesmomente: z.B. biblisch-theologische Perspektiven; interreligiöse Perspektiven; persönliche Erfahrungen
-- Beschäftigung mit Wegmotiven in der Bibel (z.B. Emmausgeschichte Lk 24,13ff.) oder Exerzitien im Alltag; Exerzitien auf der Straße

LITERATUR
Neben vielfältigen Hinweisen im Internet zum Thema „Exerzitien auf der Straße“ ist als vertiefende wissenschaftliche Literatur zu empfehlen:
Szemerédy, Susanne: Vom Gastgeber zur Geisel des Anderen. Religiöse Erfahrung bei Exerzitien auf der Straße, Berlin 2013.
Die Autorin entfaltet einen weiten Deutungsrahmen aus spiritueller und psychologischer Sicht und reflektiert Praxiserfahrungen mit Exerzitien auf der Straße.

AUTORIN
Dr. Birgit Susanne Dinzinger, Diakonisches Werk Württemberg, Leiterin der Abteilung Migration und Internationale Diakonie, seit vielen Jahren Delegierte des Diakonischen Werks Württemberg bei EFW, Mitglied im Vorstand EFW in den Jahren der Fusion

JUBILÄUMSWUNSCH
Zum Jubiläum wünsche ich EFW vielfältige „Gottesmomente“ – im Zusammenwirken von Spiritualität, diakonischem und gesellschaftspolitischem Engagement.

 

1 Vgl. „Wir pflügen und wir streuen“, EG 508, Strophe 2, Text nach Matthias Claudius, 1782.
2 Derrida, Jaques: Adieu. Nachruf auf Emmanuel Lévinas. München/Wien 1999, 62.
3 Espinal, Luis: „Deine Anwesenheit in der Tiefe des Alltags“, nach einer Zusammenstellung und
Übersetzung ins Deutsche von Antonia Reiser, in: Reiser/Schoenborn, Sehnsucht nach dem Fest der
freien Menschen. Gebete aus Lateinamerika, Wuppertal 1982, 65.