Erntedank - ein Anstoß, das Danken (neu) zu praktizieren                  

Ernten und Loslassen. Erinnern und Danken - beides gehört zum Herbst und auch zum Leben dazu. Leben besteht nicht aus „entweder - oder“, sondern aus „sowohl als auch“. Dies spiegeln uns biblische Texte in ihrer Fülle genauso wie die Erfahrungen, die wir im täglichen Leben sammeln. Es kommt darauf an, zu bemerken, was das Gute in der jeweiligen Situation ist, auch in den unschönen, ungewollten, unabänderlichen Momenten. Eigentlich banal, könnte man meinen. Doch diese kleine Dank-Übung, den Blickwinkel zu weiten oder ganz bewusst zu wechseln und den Fokus auf das Stärkende zu richten, kann unser Leben und Arbeiten ganz erheblich zum Guten beeinflussen.

Das DENNOCH groß machen

In den zurückliegenden Monaten des Jahres haben viele von uns Erfahrungen gemacht, die sich niemand freiwillig ausgesucht hätte. Eltern und Schüler*innen mussten Homeschooling praktizieren und ungewohnt viel Zeit zu Hause verbringen. Alleinlebende Menschen, haben den Kontakt zu anderen, Berufstätige den Arbeitsalltag mit Kolleg*innen im Büro schmerzlich vermisst und überall war die Angst spürbar, dass die Krankheit Menschen erreicht, deren Immunsystem nicht kraftvoll reagiert. 

Doch manche haben auch Gutes erlebt. Sie beschreiben die Pandemie als Dennoch für ihr Leben. Denn trotz aller Angst und Einschränkungen kam dennoch etwas Neues in ihren Alltag. Sie wurden ausgebremst, kamen zur Ruhe, zur Besinnung, zum Nachdenken oder zu neuer Verbundenheit in der Familie. Es ist gut, diese Perspektive entwickeln und nicht nur beim Klagen stehen zu bleiben.

Dankbarkeit als Lebensstil

Lassen wir uns ermutigen von Menschen, denen es in schwierigen Zeiten gelingt, die Dankbarkeit und den Zukunftsmut groß zu machen. Einer dieser Menschen ist David Steindl-Rast, benediktinischer Mönch, Autor und spiritueller Lehrer. Der 95-jährige lädt unermüdlich ein zu einem Lebensstil der Dankbarkeit.

Lebensstil? 

Ja, so nenne ich es, denn es ist eine bewusste Entscheidung, das eigene Leben unter das Vorzeichen der Dankbarkeit zu stellen. Es liegt bei jeder und jedem von uns, ob wir uns darauf ausrichten, die Gelegenheiten im Leben zu bemerken. Es fällt leicht, die Kleinigkeiten im Alltag zu bemerken, die gut sind: den Sitzplatz in der S-Bahn, den freundlichen Gruß hinter der Maske, die Zuverlässigkeit der Kolleg*in oder den funktionierenden Kaffeeautomaten. Freude ist die einfachste Form der Dankbarkeit, sagt bereits der Theologe Karl Barth. 

Das spirituelle Rückgrat trainieren

Herausfordernder sind die dunklen Tage. Die Momente, in denen wir uns kraftlos, gekränkt, verletzt fühlen. Lebenszeiten, in denen wir unmittelbar mit Leid konfrontiert sind und uns Angst oder Trauer förmlich von allem trennen, was das Leben schön macht.

Doch genau diese Zeiten sind es, auf die es ankommt. Ich bin davon überzeugt, sie geben uns die Gelegenheit, unsere Überzeugungen in Erfahrungen zu wandeln und unser „spirituelles Rückgrat“ zu trainieren.  

Denn auch wenn uns die „Verpackung“ nicht gefällt, bieten uns die schweren Zeiten im Leben dennoch das Geschenk der Gelegenheit. Die Gelegenheit, innerlich zu reifen, geduldig zu werden, sich klarer auszudrücken, zu vergeben, zu protestieren oder auch anzunehmen. 

Auch den „Mist“ des Lebens als „Dünger“ zu verstehen, ist eine Möglichkeit, in allem das Potential von Wachstum zu erwarten - Dankbarkeit der anderen Art.

Das Leben selbst mit allen Veränderungen, Brüchen und Tiefen, aber auch mit Erfolgen, Entwicklungen und Wachstum bewusst wahrzunehmen macht zutiefst dankbar. Dankbarkeit für dieses Geschenk überwindet Furcht und ermöglicht Vertrauen ins Leben - jeden Tag neu. Wie kann das praktisch gehen?

1. Überlegen Sie sich persönlich, in der Familie, in der Gruppe ein Ritual, Gutes zu bemerken und konkret zu benennen. Zum Beispiel durch einen „Check-In“, bei dem jede und jeder etwas benennt, wofür er/ sie an diesem Tag dankbar ist oder indem Sie ein Glas mit kleinen Zetteln füllen, auf denen Sie notieren, was an diesem Tag Grund zum Danken gab. Am Ende des Monats lesen Sie das Geschriebene nochmals, freuen sich und leeren das Glas.

2. Drücken Sie Wertschätzung und Dank namentlich, unmittelbar und so persönlich wie möglich aus. Echter Dank führt zu innerer Freude und Beteiligung.

3. Lassen Sie zu, dass andere auch Ihre Unvollkommenheiten, Fehler oder Sorgen sehen und geben Sie anderen die Möglichkeit, Anteil zu nehmen. Dies ermöglicht aufrichtige Nähe.

Buchtipp: David Steindl-Rast, Orientierung finden: Schlüsselworte für ein erfülltes Leben

Musiktipp: Abba-Song „Thank you for the music“

Warum nicht mit einem Lied beginnen, was gerade wieder häufig im Radio zu hören ist, auch wenn es 1977 getextet wurde. Ein schöner Einstieg ist es zu fragen, wofür die Anwesenden dankbar sind und was sie selbst damit verbinden.

Gebet

Gott, 

manchmal ist uns nicht zum Danken zumute. Es gibt Zeiten in unserem Leben, die drücken wie ein Schuh, der zu eng ist. Wir verlieren die Lust zum nächsten Schritt.

Hilf uns, bewusst die Perspektive zu wechseln und die Augen weit zu öffnen. Lass uns das Unscheinbare bemerken: die Schönheit des Nebels über der Wiese, das Lachen der Kinder in der Nachbarschaft, die glänzenden Kastanien auf dem Weg, den Milan am Himmel, das Wort, was uns anspricht und die dunkle Seite des Mondes.

Lass uns Gelegenheiten erkennen, die uns täglich geschenkt sind und lass uns zu Botinnen und Boten einer Hoffnung werden, die das Leben als göttliches Geschenk begreift. Danke, dass wir danken können mit jedem Atemzug. Und lass uns den nächsten Schritt wagen, notfalls auch ohne Schuhe. Amen.

Beate Hofmann, Landesreferentin EFW