ANDACHT ZUM MONAT OKTOBER – NICHTS ALS HARTE ARBEIT

ZU TOBIT 2,11-14

Meine Frau Hanna versuchte, mit Weben, einer typischen Frauenarbeit, Geld zu verdienen. Sie sandte denen, die sie beauftragt hatten, den Stoff, worauf sie ihr den Lohn gaben. Einmal, am siebten Tag des Dystros, schnitt sie den Webstoff ab und sandte ihn den Auftraggeberinnen. Da gab sie ihr den vollen Lohn und dazu ein Ziegenjunges für den Kochtopf. Als sie zu mir kam, fing das Zicklein zu meckern an. Da rief ich sie und sagte: „Woher ist dieses Zicklein, es wird doch nicht gestohlen sein? Gib es seinen Besitzerinnen zurück! Wir dürfen schließlich nichts Gestohlenes essen!“ Da antwortete sie mir: „Es ist ein Geschenk, das ich zusätzlich zum Lohn bekam!“ Ich aber glaubte ihr nicht und errötete deshalb aus Scham über sie. Ich befahl, es der Besitzerin zurückzubringen. Da entgegnete sie mir: „Und wo sind jetzt deine barmherzigen Werke? Wo bleiben deine gerechten Maßstäbe? Sieh an, jetzt erkennt man deutlich, wie es mit dir eigentlich steht!“

VORBEMERKUNG
Der Verein für internationale Jugendarbeit (vij) setzt sich seit jeher für Gerechtigkeit ein, die der menschlichen Würde Ansehen verleiht oder sie erhält. Der Text aus Tobit 2 wird auf diesem Hintergrund verstanden und interpretiert. Die Andacht eignet sich für Anlässe rund um Eine Welt Tage, Micha Sonntage1, für Frauenkreise, die sich mit fairen Löhnen für Frauenarbeit befassen, oder Christinnen, die sich die Frage stellen, wie ihre persönlichen gerechten Maßstäbe aussehen.

ANDACHTSTEXT
Hanna, wer ist Hanna?
Mir war sie unbekannt. In der Auseinandersetzung mit dem Text im Buch Tobit meine ich, mich ihr nähern zu können. Zunächst lerne ich sie kennen als Tobits Frau, die ihn in die Verbannung begleitete. Hanna ist bei Tobit, auch als er erblindet. Nach der Rückkehr aus der Vertreibung in seine und Hannas Heimat, ist kein Geld zum Leben da, sie sind mittellos. Es lohnt sich, das ganze Buch zu lesen.

Hanna tut in dieser - im damaligen Israel sehr schwierigen - Situation alles, was sie kann. Sie pflegt ihren Mann und trägt die Verantwortung für den Haushalt. Darüber hinaus findet sie eine Möglichkeit, die Familie zu ernähren, indem sie Auftragswebereien für reiche Leute übernimmt. Offensichtlich beherrschte sie diese Fertigkeit sehr gut. Das Tuch, das sie herstellt, kann sie regelmäßig verkaufen. Und so entsteht für das Haus Tobits eine einigermaßen stabile finanzielle Situation und sie müssen nicht hungern. Sicher war die Lage mehr schlecht als recht, aber immerhin.

Je länger mich Hanna begleitet, desto mehr Parallelen entdecke ich zu Frauenschicksalen, die uns im vij begegnen. Schicksale von Frauen, deren Namen häufig nicht genannt werden, weil sie illegal bei uns leben oder weil sie nicht erkannt werden wollen. Wir fragen: „Wer ist Feodora, wer ist Anuthida?“ In unserer Arbeit lernen wir sie kennen. Es sind Frauen, die mit allem, was sie können, dazu beitragen, die Familie oder sich selber zu ernähren. Die bei alten oder hilfsbedürftigen Menschen die Betreuung zu Hause übernehmen. Es wird geschätzt, dass es allein in der Bundesrepublik 300.000 Frauen sind, die so leben. Viele arbeiten in intransparenten und häufig ausbeuterischen Anstellungen. Ohne Arbeitsverträge, ohne Rechte. Die genaue Zahl dieser Frauen ist nicht bekannt, sie werden nicht gezählt, wir wollen sie nicht wahrnehmen. Sie bekommen keinen gerechten Lohn, haben keinen Rentenanspruch, keine verlässliche Urlaubszeiten, keine Pausen im Tages- und Wochenrhythmus. Keine Anerkennung. Sie haben nichts als harte Arbeit. Und auch sie sichern das Leben von Menschen mit ihrem Einsatz ab. Ohne sie geht es nicht!

Auch ohne Hanna geht’s nicht. Als sie mal wieder den vollen Lohn bei den Auftraggeberinnen abholt, schenken diese ihr eine kleine Ziege. Der blinde und gottesfürchtige Tobit hört die Ziege, als Hanna sie nach Hause bringt. Und fordert Hanna auf, dieses Geschenk wieder zurückzubringen, in der Furcht, es könnte gestohlen sein. Verständlich ist das ja, Tobit ist gottesfürchtig, dazu hat er vielleicht auch ein wenig Angst, dass Hanna ihre Anstellung verliert. Hanna, die ich bisher zugewandt und gut strukturiert kennengelernt habe, wird des Diebstahls bezichtigt. Ich spüre, wie Hanna gegen diese Wand der Selbstgerechtigkeit prallt. Dabei war sie froh und gelöst mit der Ziege nach Hause gekommen. Es fällt mir schwer, ruhig zu bleiben.

Ich lerne Hanna noch ein Stück besser kennen. „Und wo sind jetzt deine barmherzigen Werke? Wo bleiben deine gerechten Maßstäbe? Sieh an, jetzt erkennt man deutlich, wie es mit dir eigentlich steht!“ Das sitzt, oder?

Ich wünsche mir, dass wir so antworten könnten. Nach der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit
fragen, damit mehr bleibt als harte Arbeit und Enttäuschung für die Frauen, die wir begleiten und die vielen anderen, die wir nicht sehen. Ich wünschte mir, dass wir Feodora und Anuthida wirkungsvoll Anteil haben lassen, ihnen die Würde und den Respekt zollen könnten, der mit einem gerechten Lohn, Vertrauen und gesicherten Verhältnissen verbunden ist.
Wie Tobit reagiert? Er lässt sich fragen. Und vielleicht ist er am Ende seines Lebens, als sein Besitz wieder in die Familie zurückgebracht wird, milde und barmherzig, weil Hanna ausgesprochen hat, was zu sagen war. Wir reagieren wir? Welchen Teil können wir beitragen zu einer barmherzigen Gerechtigkeit?

WEITERE IDEEN ZUR ANDACHT

Lieder
- Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn
- Sonne der Gerechtigkeit
- Herr, erbarme dich
- Magnificat
- Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt

Fragen zur persönlichen Auseinandersetzung
- Wo und wie nehme ich Gerechtigkeit wahr?
- Wo schaue ich weg, wenn ich Ungerechtigkeit ahne?
- Wie reagiere ich auf Ungerechtigkeit?
- Welche Anforderungen habe ich an gerechte Arbeitsbedingungen für mich und andere?
- Wie möchte ich selber gerecht leben und arbeiten?
- Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Barmherzigkeit?
- Wie gebe ich meiner Sehnsucht nach Gerechtigkeit durch Barmherzigkeit Ausdruck?

Gebet
Herr, erbarme dich:
Über die Menschen, die arbeiten müssen für einen Hungerlohn,
dass sie ihren gerechten Lohn erhalten.
Über die Frauen, die die Sorge für die Familie alleine tragen,
dass sie nicht erdrückt werden.
Über die Frauen, die ausgebeutet werden, dass sie ihnen Recht gesprochen wird.
Über uns, dass wir es schaffen, die Augen zu öffnen und hinzusehen,
dass wir zu denen werden,
die gemeinsam mit den Ausgebeuteten nach der Barmherzigkeit fragen.
Über die Entscheidungsträger weltweit, dass sie erkennen,
dass Frauen das Leben weitertragen, damit Frieden werden kann.
Amen

Links
www.vij-faircare.de
FairCare steht für eine faire und legale Vermittlung von Betreuungskräften aus EU-Ländern in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse unter geregelten Arbeitsbedingungen.

AUTORIN
Jutta Arndt, hauptamtliche Vorstandsfrau des Vereins für internationale Jugendarbeit, u.a. Träger von FairCare und dem Fraueninformationszentrum FIZ

BEZUG ZU EFW
Der vij ist Mitglied bei den EFW. Die Verbindung mit den Frauen in der evangelischen Kirche und den dazugehörigen Organisationen stärkt und nährt den vij. Frauenbewegende Themen und auch deren Nöte können in der gemeinsamen Arbeit bewegt und verändert werden. Für den vij ist es wesentlich, Teil dieses großen Netzwerkes sein zu können. Als Vorstandsfrau kandidierte Jutta Arndt 2017 für die EFW bei der Wahl des Verbandsrats des Diakonischen Werkes und wurde gewählt. Seither vertritt sie die Anliegen der Frauen und ihrer Organisationen auch im Verbandsrat.

JUBILÄUMSWUNSCH
Den EFW wünschen wir zum Geburtstag, dass sie weiter jung bleiben und sich stets erneuern lassen aus der Kraft der Liebe Gottes zu allen Menschen als seinen geliebten Geschöpfen.

1 Die Micha-Sonntage sind Teil einer weltweiten Kampagne bzw. eines globalen Netzwerkes, das Christinnen und Christen zum Engagement gegen extreme Armut und für globale Gerechtigkeit begeistern möchte. In Deutschland besteht Micha aus einem ü berkonfessionellen Netzwerk von Organisationen, Gemeinden und Einzelpersonen. Weitere Information unter: www.michainitiative.de.