Die Trägerinnen und Träger der „Krone der Ehre“

In Deutschland stehen wir vor einer Herausforderung: bei immer mehr Pflegebedürftigen gibt es immer weniger Pflegekräfte. Gleichzeitig findet die Betreuung und Pflege der Eltern und Großeltern immer seltener in der Familie statt.

Jeden ersten Mittwoch im April ist der „Tag der älteren Generation“ in Deutschland, am 12. Mai ist der Internationale Tag der Pflege, jeden 15. Juni gibt es den Aktionstag „Welttag gegen die Misshandlung älterer Menschen“ und am 1. Oktober ist der Internationale Tag der älteren Menschen. Im Blick sind ältere Menschen und die Pflege damit mindestens vier Mal im Jahr. Aber welche Perspektive haben wir dabei inne und wie prägt diese Perspektive Pflege und Betreuung?

Zunächst zeigt ein Blick in die Bibel ein sehr positives Bilde des Alt-Werdens: So finden wir in Psalm 92, 15 die Aussage: „Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein“. Das zu interpretieren fällt nicht schwer: Menschen, die älter werden, sind ein wichtiger und produktiver Teil unserer Gesellschaft. Die Bibel ist hier ganz klar.

Allerdings ist diese Botschaft lange Jahre in unserer modernen Gesellschaft untergegangen. Alte Menschen, das ist die Last, die unsere Wirtschaft zu kompensieren hat. Alte Menschen, das ist die Last, unter der das Pflegesystem zusammenbricht. Alte Menschen, das ist die Last, die ihre Töchter und Schwiegertöchter zu tragen haben.

In Psalm 92 steht dagegen deutlich, alte Menschen mögen zwar alt sein, aber deshalb keineswegs unfähig! Das ist etwas, was wir in Deutschland lange übersehen haben. Lebenserfahrung ist ein großer Schatz, die Freiheit im Ruhestand kann sich als Quelle neuer Kreativität erweisen. Umsetzungen dieser Erkenntnisse finden wir noch immer nur in Modellprojekten oder privat finanzierten Angeboten, etwa in Mehrgenerationenhäusern oder in Alterswohngemeinschaften. Ansonsten kommen Menschen mit Betreuungsbedarf in Pflegeheime, die ihnen alles abnehmen und ihnen keine Autonomie lassen. Oder sie werden ambulant betreut - mit dem Ergebnis, dass sie immer weniger selbst machen „müssen“ (oder besser: „dürfen“) und dann oft auch wirklich weniger können. Bis heute ist unser Blick kein biblischer, zum Schaden aller Generationen.

In Sprüche 16, 31 steht: „Graue Haare sind eine Krone der Ehre“.
In unserer Gesellschaft klingt dieser Satz beinahe wie Spott: graue Haare verstecken wir, so gut es geht. Gerade Frauen färben oft lange Jahre ihre Haare, Hollywood macht es vor, auch mit 70 oder 80 gibt es keinen Grund, weshalb wir alt aussehen müssen. Graue Haare, das sind „Altmacher“ und deshalb sind sie zu vermeiden. Aber warum eigentlich? Gott sagt uns zu: unsere grauen Haare sind eine Krone der Ehre. Weshalb beginnen wir nicht, diese Krone mit Stolz zu tragen! Mit gegenseitigem Respekt und der Anerkennung der älteren Menschen bzw. ihrer Fähigkeiten lösen sich viele vermeintliche „Probleme“ von selbst.

Statt einander „Last“ zu sein können sich junge und alte Generationen gegenseitig unterstützen. Mit dem Respekt vor den Trägerinnen und Trägern der „Krone der Ehre“ öffnen wir unseren Blick für die Fähigkeiten und Errungenschaften unserer älteren Mitmenschen. Damit ist der Weg bereitet für ein Umdenken und ein neues Miteinander.

 

Leitfragen zur persönlichen Auseinandersetzung
Wie gehe ich mit meinem Alter um?
Was erwarte ich, wenn ich alt bin, von mir selbst, meinem/r Partner/in, meinen Kindern, meiner Gemeinde?
Welche Ermutigung nehme ich aus den Bibelstellen mit?

Liederhinweise
EG 209: „Ich möcht, dass einer mit mir geht“
EG 171: „Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott“
EG 172: „Sende dein Licht und deine Wahrheit“ (Kanon)

Gebet
Gott, wir bitten Dich:
Öffne unsere Augen für all unsere Möglichkeiten.
Lass uns nicht starr werden,
sondern immer wieder offen sein für neue Wege und Alternativen.
Gib, dass wir uns gegenseitig unterstützen
und immer wieder neu spüren,
wie viel Kraft wir aus unserer Gemeinschaft schöpfen können.
Unser Glaube an Dich verbindet uns.
Hilf, dass wir aneinander glauben,
uns gegenseitig respektieren können
und den Blick für die besonderen Fähigkeiten
der anderen nicht verlieren.
Amen

Saskia Ulmer/Landesreferentin EFW