Andacht zur Karwoche

Wart’s ab – oder: Warten ist eine Kunst

Warten ist eine Kunst. Kein Wunder, denn so vieles kommt beim Warten zusammen: das, was war, was ist und das, was sein soll. 

Wir bringen jedes Jahr aufs Neue mit, was uns in der vergangenen Zeit bewegt, beschäftigt hat. Wir sind nie die Gleichen, wenn wir wieder im Advent stehen. Wir haben ein weiteres Jahr gelebt mit all dem, was es uns gebracht, geschenkt oder abverlangt hat. Wie gut, dass der Advent nicht nur aus einem Augenblick besteht, sondern uns Zeit bietet. Zeit, um inne zu halten, den Blick zurückschweifen zu lassen, uns wahrzunehmen, so, wie wir gerade sind und wie wir unser Leben im Moment empfinden. Warten, auch Warten im Advent ist nicht immer gleich. Sondern hängt auch immer davon ab, wie es uns gerade geht, in welcher Lebensphase wir uns befinden, was uns bewegt. 

Darin richtet sich unser Blick nach vorn, auf die Zeit, die kommt: was erwarten wir, was hoffen wir, nach was sehnen wir uns – jetzt, in diesem Jahr? Auch dafür bietet die Adventszeit Raum: für unsere Sehnsucht. So empfinden sie auch viele, das bringen die Erwartungen an den Advent und insbesondere an das Weihnachtsfest zum Ausdruck. Warten, auch hier eine Kunst. Denn schnell passiert es, dass wir die Erwartungen hochschrauben, alles auf wenige Tage und Stunden konzentrieren. Und dabei vergessen, dass sich vieles, was wir uns wünschen und wonach wir uns sehnen, eben nicht auf Knopfdruck herstellen lässt. Auch hier braucht es das Warten, Abwarten – Zeit geben und lassen. Es braucht ein genaues Hinsehen, wahrnehmen, was wie viel Zeit braucht. Und eigentlich wissen wir es ja auch, die Natur zum Beispiel führt es uns immer wieder vor Augen: Manches braucht seine Zeit und nichts und niemand kann den Prozess des Wachsens und Reifens beschleunigen. 

Warten, Abwarten ist eine Kunst, weil immer eine gewisse Spannung auszuhalten ist: wird es gut ausgehen, wird es zu einem guten Ende kommen, wird sich erfüllen, auf was wir warten? 

Warten im Advent ist in dieser Hinsicht anders als das Warten, das wir sonst im Alltag erleben. Denn eigentlich wissen wir ja schon, was kommen wird. Gott ist ja schon gekommen, hat sich gezeigt in Jesu Geburt und hat damit bekräftigt, in der Welt, in jedem Menschenleben da sein zu wollen. Aus dieser Perspektive hat sich das Warten im Advent schon erfüllt. 

Und trotzdem bleibt das Warten im Advent eine Herausforderung, weil sich eben noch nicht alles erfüllt hat. Die Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und dem „noch nicht“ Gottes besteht weiterhin. Sie zieht sich durch unser Warten hindurch und zieht uns von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft hinein. Da sind wir dann doch wieder bei der Herausforderung, das aushalten zu müssen, uns dazu verhalten zu müssen. 

Trotzdem steht das Warten im Advent unter einem anderen Stern. Das Kommende ist eben doch schon jetzt spürbar. Gott kommt nicht nur in einer fernen Zukunft, sondern ist schon da, kommt uns immer wieder neu entgegen. Bis in unsere Gegenwart hinein. 

Die Kunst ist, das geschehen zu lassen. Uns Gott zu öffnen, schon jetzt mit ihm zu rechnen. Ernst zu nehmen, dass die Frage, ob es eine lebendige, eine erwartungsfrohe Zeit wird, nicht von uns allein abhängt. Hier dürfen wir Gott als verlässlichem Gegenüber vertrauen. Dazu lädt uns die Adventszeit immer wieder neu ein. 

Wir dürfen Gott unsere Erwartungen, unsere Sehnsüchte, unseren Wunsch nach Frieden, Heil-Sein und Gerechtigkeit in die Hände legen – und gewiss sein, dass er sie aufnimmt und trägt. 

Abwarten müssen wir trotzdem, was geschehen wird – aber wir dürfen es getrost tun. Das ist der feste Grund, auf dem wir Warten. Das ist der Grund, weshalb unser Herz dabei stark und unverzagt sein kann. Das kann uns helfen, uns ermutigen, uns in der Kunst des Wartens zu üben. 

In dem Vertrauen, dass Gott mit dabei ist, in uns immer wieder die Vorfreude auf sich wecken will und immer wieder erfüllt, was er uns verspricht. Nicht immer so, wie wir uns das selbst ausmalen und wünschen. Vielleicht ganz anders, als wir erwarten. Aber mit demselben Ziel: es soll gut werden mit uns, mit unserem Leben, mit der Welt. Zum diesem Ziel gehört auch, dass wir alle unseren Platz in diesem Geschehen haben, so wie es zu uns passt und im jeweiligen Moment möglich ist. Wir haben teil und sind ein Teil des Guten, das schon da ist und weiter wachsen soll: Gottes Gegenwart in der Welt. 

Warten wir es „einfach“ ab, was uns in diesem Advent begegnet. Warten wir es „einfach“ ab, auch wenn es uns nicht leicht fällt. Legen wir unsere so konkreten Erwartungen, wie es sein müsste und sollte, zur Seite. Überlassen wir uns dem, was geschieht, überlassen wir uns dem, der kommt. Öffnen wir unsere Herzen, Augen und Ohren, damit wir nicht verpassen, wie Gott kommt und welche Freude darin liegt, ihm zu begegnen. 

 

Liederhinweise

Wie soll ich dich empfangen (EG 11, 1.5-7)
Komm, göttliches Licht (EG 575)
Wait for the lord (Durch Hohes und Tiefes, Nr. 139)
Macht hoch die Tür (EG 1, 5)

Gebet

Warten. –
meine Sinne, das Herz ausrichten auf das,
was kommen mag,
was ich nicht weiß
und doch erhoffe.

 

Eva-Maria Bachteler, Landesfrauenpfarrerin