ANDACHT ZUM MONAT DEZEMBER – ÜBERRASCHENDE KLAMOTTEN – GOTTES NEUE KLEIDER

ZU JESAJA 61,10

Laut freue ich mich über Gott, meine Kehle jubelt über meine Gottheit, denn sie hat mir Kleider der Rettung angezogen, mich in den Mantel der Gerechtigkeit gehüllt, wie ein Bräutigam den feierlichen Schmuck anlegt und eine Braut sich schmückt mit ihren Schmuckstücken.

ZERSTÖRTE GEGENWART - GESCHENKTE HOFFNUNGSBILDER
Verwüstung des Landes und menschliche Schicksale. Babylonische Heere haben die Hauptstadt Jerusalem zu einem Trümmerhaufen gemacht. Der Prophet steht vor Gefolterten und Geschundenen, Trauer und Tränen. Ein Bild des Chaos und des Schreckens.
Und Menschen ohne Halt und Hoffnung. Flucht und Exil.
Nach langen Jahren in der Fremde sind sie zurückgekommen, wollen einen neuen Anfang wagen. Aber die Träume haben sich ziemlich schnell in Luft aufgelöst. Es geht nicht so, wie sie sich das vorgestellt haben. Nicht so leicht und nicht so schnell, nicht im eigenen Leben und auch nicht in dem eines ganzen Volkes. Was bleibt, ist Enttäuschung und Traurigkeit: die Erfahrung, wieder viel gehofft und gewagt und doch nur verloren zu haben.

Zerstörte Hoffnung ist harte Realität - bis heute: Menschen, die ums nackte Überleben kämpfen, auf der Flucht vor Soldaten, im Angesicht von Hunger und wirtschaftlicher Not, im Bewusstsein einer unheilbaren Krankheit oder tödlicher Abhängigkeiten. Kinder und Jugendliche, die Überlebensstrategien entwickeln gegen Erpressung und Terror. Von Freude, Hoffnung und Gerechtigkeit keine Spur.
Genau in diese Perspektivlosigkeit hinein sendet Gott einen Propheten, der Hoffnung verbreitet: Zerbrochene werden verbunden, Gefangene kommen frei, Gebundenen werden die Fesseln gelöst und Trauernde getröstet. Gute Botschaft für die im Elend! Dabei klingt mit an: Täter werden zur Rechenschaft gezogen und Opfern wird Genugtuung zuteil.

Am erstaunlichsten erscheint, dass zerbrochene Herzen geheilt werden. Schutt einer zerstörten Stadt kann man beiseite räumen. Häuser kann man in Jahrzehnten wieder aufbauen. Aber das, was bei Menschen innerlich kaputt gegangen ist … da bleiben Wunden, manchmal heilen Verletzungen gar nicht. Manche Scherben menschlicher Lebensgeschichten lassen sich nicht kitten, so sehr sich Menschen auch darum bemühen.

VERTRAUEN GEWINNEN WIDER DEN AUGENSCHEIN
Der Prophet erinnert an die Verheißungen, mit denen Gott sich seinem Volk zu126 Gottesdienst, Andachten und Lieder gewandt hat. Aller Wirklichkeit zum Trotz lässt er die Ankündigungen früherer Propheten aufleben und aktualisiert sie für seine Zeit. Genau so stellt sich auch Jesus bei seiner „Antrittspredigt“ (Lk 4,14-29) in die Geschichte Gottes mit seinem Volk und mit den Propheten des ersten Bundes. Bei ihm war zwischen Tradition und Gegenwart kein Widerspruch und keiner zwischen Gegenwart und Ankündigung.
Der Prophet verkündigt den Menschen seiner Zeit Hoffnung auf Zukunft, aber er verspricht ihnen nicht, dass sich alles sofort, von heute auf morgen, ändern wird. Doch seine Worte haben die Menschen in Bewegung gebracht, sie vertrauen ihm: Sie wissen, dass Veränderungen Zeit brauchen und vertrauen darauf, dass die Verheißung Gottes schon jetzt in ihrem Leben sichtbar werden soll. Laut freue ich mich über Gott. So antworten Menschen auf die Zusage Gottes. Dies ist ihr mutiges Bekenntnis wider den Augenschein. Und es zeigt sich in ihrem veränderten Aussehen.

Neue Lebensabschnitte gehen ja oft damit einher, dass sich Menschen bewusst anders kleiden. Mit den Farben und dem Schmuck, den sie anlegen, geben sie der Veränderung Gestalt und Ausdruck. Für die Menschen zur Zeit Jesajas stand fest: Jetzt ist die Zeit vorbei, in der man Traurigkeit schon an der Kleidung ablesen konnte. Deshalb Schmuck statt Asche - und sie tauschen Trauergewand gegen Festkleid.

Und statt eines betrübten Geistes haben sie ein Lied der Hoffnung auf den Lippen. Ihre Freude wirkt ansteckend - wie das Lied aus dem evangelischen Gesangbuch: „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe“ (EG 611). Leben gewinnt eine neue Qualität in Stadt und Land, im Miteinander von Jung und Alt, von Fremden und Einheimischen. Und deutlich wird, Gottes Verheißungen sind zugleich politisch, sie betreffen die „polis“, alle Bürger*innen im Gemeinwesen. Fromm sein und politisch sein, das gehört zusammen, ebenso wie Mut zum Träumen und Kraft zum Kämpfen. Ob nun für das Frauenwahlrecht, das ebenfalls 100-jähriges Jubiläum begeht, oder für Bildung, für Veränderungen in der Erwerbsarbeit, für die Verwirklichung der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Frauenrechte und -rollen wie auch Familienbeziehungen haben sich in den letzten 100 Jahren entscheidend gewandelt.

VON GOTT AUFGERICHTET ANDERE AUFRICHTEN
Heil und Gerechtigkeit Gottes sind Richtschnur und Maßstab. Gott zieht Menschen an mit den Kleidern der Rettung und dem Mantel der Gerechtigkeit. Sie sind eine Auszeichnung, mit der keiner sich selbst schmücken und die keine kaufen kann. Gottes Anspruch ist, dass Menschen beginnen, diesen geschenkten Kleidern zu entsprechen. Gott will Recht und Gerechtigkeit wachsen lassen. Mein Beitrag kann sein, beim Kauf der Kleidung auf Umweltverträglichkeit und ökologische Standards zu achten und auf eine menschenwürdige Produktion.

Der Prophet erfährt sich selbst im Festhalten und Sich-Festmachen an Gottes Treueversprechen durch Gottes Geist aufgerichtet. Das „Trösten“ vollzieht sich in starken Bildern. Der Begriff „Aufrichten“ bietet sich insofern an, als den Gebeugten ein geradezu schrittweises Hochkommen aus der Tiefe zugeschrieben wird. Das Gefühl, nur Opfer zu sein, muss weichen. Gott hat sie mit anderem Namen und anderer Würde ausgestattet. „Pflanzung des Herrn“ und „Bäume der Gerechtigkeit“ zu heißen (vgl. Jes 61,3), das macht ein aufgerichtetes Bewusstsein und eine aufrechte Haltung möglich. Trauer wandelt sich in neue Zuwendung zum Leben, die im Anlegen festlicher Kleider und in der Pflege des Körpers ihren Ausdruck findet.

Die so Aufgerichteten beginnen mit dem Wiederaufbau – wie die Trümmerfrauen nach dem Zweiten Weltkrieg: Aus den Trümmern der Vergangenheit wird Zukunft gestaltet, werden bewohnbare Häuser und Städte errichtet. Diese Veränderung bleibt auch der Umgebung nicht verborgen. Die vormals Entehrten werden zu Segensträgern für die Völker. Die Pflanzenbilder erinnern daran, dass Bäumen und Pflanzen ein Wachstumsprozess vorangeht, der im Kleinen beginnt. Die Gerechtigkeit Gottes fällt nicht von oben herab, sondern sprießt von unten herauf (vgl. Jes 61,11).

Welch befreiende, gute Botschaft: Frei werden von dem, was einen einengt an Verhaltensmustern und Denkkategorien. Frei werden von dem Diktat der anderen, die einer vorschreiben, was zu tun und zu lassen ist und wie sie sein sollte. Frei werden und aufatmen, sich und andere Menschen, Schöpfung und Welt um sich herum neu in den Blick nehmen.

HOFFNUNG IM ADVENT GOTTES
Es geht um eine veränderte Perspektive. Eine Blickrichtung auf die Sinnhaftigkeit hin, die aus der Wahrnehmung der Wirklichkeit nicht ableitbar ist, von der her aber Wirklichkeit gestaltet werden kann. Die Hoffnung ist nicht an der Realität zu messen, sondern die Realität erscheint im Lichte der Hoffnung neu. Deshalb sind Jesaja 61 ebenso wie seine Aufnahme in Lukas 4 Grundtexte der Theologie der Befreiung und haben u.a. in Lateinamerika und Soweto ihre Gestalt gefunden.

Eine Hoffnungsvision hebt nicht über die Realität hinweg, sondern macht diese vielmehr erst anschaubar. Sie eröffnet gleichzeitig eine Perspektive, aus der Umklammerung sogenannter Sachzwänge loszukommen, sich aufzurichten und auszurichten an Gottes verheißener Wirklichkeit. Es bleibt die Hoffnung, die Gott verspricht. Sie ist größer als eine zu fassen vermag. Das ist die „Zu-Mut-ung“ Gottes mitten in der Zumutung des Lebens.

AUTOR
Hans-Joachim Janus, Referatsleiter im evangelischen Oberkirchenrat, zuständig für die Arbeitsbereiche Werke und Dienste / Ev. Hochschule / Seelsorgedienste.

JUBILÄUMSWUNSCH
Mein Wunsch ist, dass die Feiern zu 100 Jahre Evangelische Frauen in Württemberg in gleichem Maße befreit, festlich, fromm und politisch sind.