Andacht zu Pfingsten

„Euch gebührt nicht, Zeiten und Fristen zu erfahren, …. Ihr werdet aber Kraft empfangen“, Apg. 1,7a + 8a

Will Gott nicht, oder kann Gott nicht? Treibt Gott Spott mit den ängstlichen und traurigen Jünger*innen? Lässt Gott sie an langer Leine schmachten?

Sie sind rund um Jesu Verfolgung und Kreuzigung schon durch Angst, Schrecken und Scham gegangen. Sie hatten sich miteinander verkrochen und gebangt. Der Auferstandene selbst hat sie getröstet, sie aus dem Verloren-Sein ins Leben zurückgeholt. Wieder haben alle an seinen Lippen gehangen. Mit Himmelfahrt ist Jesus endgültig gegangen, hat wieder alle ratlos, wenn auch mit der Ahnung ewiger göttlicher Lebendigkeit, zurückgelassen.

Mit dem bisschen gefassten Mut rotten sie sich zusammen und organisieren sich – und irgendwie verschwinden die Frauen, nachdem Jesu sie alle verlassen hatte. Es ist erschreckend, wie schnell die gewohnte Geschlechterordnung wieder Fuß fasst.

Ostern korrespondiert mit dem jüdischen Passafest, Pfingsten mit dem jüdischen Wochenfest. Die junge Christenheit gründet ein eigenes religiöses Festjahr, dass den jüdischen Festzeiten verbunden bleibt. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, Gott hält sich an den optimalen Terminplan.

Wenn ich aber aus all dem heraustrete und die Pfingstverse auf all das beziehe, wo ich gerade Erlösung und Gottesnähe brauche, dann höre ich sie anders.

In Trauer und Verlorenheit kann ich keine Bäume ausreißen, nicht mitreißen, nicht anstecken. Für mich liest sich das Jesu-Wort „euch gebührt nicht, Zeiten und Fristen zu erfahren“ wie die bittere Wahrheit meines Glaubensalltags: Die Sache mit Gott funktioniert eben nicht auf Wunsch oder zum optimalen Termin oder, wenn ich ein göttliches Eingreifen gerade wirklich notwendig fände. Wie oft müssen wir erleben, dass Gott nicht heilt, nicht Streit oder Krieg beendet. Meistens denke ich auch: das ist nicht sein Job, sondern unser.

Aber eine andere Glaubenserfahrung ist, dass Gott Kraft schenken kann, wie er sie uns verheißt. Vielleicht, weil Gott uns so unverhofft nah kommt wie den Frauen am Grab. Vielleicht, weil Gott für mich mitten in der Gemeinschaft mit anderen sichtbar wird. Vielleicht, weil Gott plötzlich in mir den Lebensfunken wieder entfacht und ich wieder aus einer Quelle schöpfen kann, die mehr ist als ich selbst.

Ich kann wieder lachen. Mag mich wieder unter Leute mischen, finden wieder Worte für das, was mich bewegt; verliere die Angst oder die Scham und trau mich wieder was. Dann flackert das Lebenslicht wieder, das verloschen schien. Das ist mir das liebste Pfingstfest – und Ihnen allen sei es von Herzen gewünscht!

Die jüdische Dichterin Hilde Domin findet für diese Haltung wunderbare Worte: 

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

In diesem bestechenden Bild steckt so viel Weisheit: Ich muss aushalten, darf Geduld und Hoffnung nicht verlieren, ich muss offenbleiben, mich hinhalten und eine freie Hand bieten, damit das Wunder Platz nehmen darf bei mir.

Gebet:

Meine Hände halte ich dir entgegen, Gott.
Sie sind leere Schalen, bedürftig
nach Liebe, nach Hoffnung, nach Kraft. 

Ich harre aus vor dir, Gott.
Ich weiß, dass du um mich bist,
mich stützt, mit trägst und alles tust,
damit sich meine Seele neu füllen kann.

Oft warten wir gemeinsam auf den rechten Moment.
Darauf, dass Dinge und Menschen sich fügen.
Gemeinsam halten wir aus und teilen die Glückseligkeit,
wenn sich Dein Leben durchsetzen kann.

Meine Hände füllen sich durch dich, Gott.
Wirf deine Leichtigkeit hinein, dann kann ich tanzen
und deine Gabe über mich hinauswerfen.

Amen. 

Leitfragen zur persönlichen Auseinandersetzung:
Überlegen Sie für sich einmal, wann das Ersehnte eingetroffen ist, wie es angeflogen ist und erinnern Sie, wie sich die Landung angefühlt hat.

Liederhinweise:
Lied: „Ein Licht geht uns auf in der Dunkelheit“, eg 555
Lied: „Gottes Geist befreit zum Leben“, Das Liederbuch, Nr. 83

Dina Maria Dierssen/Geschäftsführerin EFW