ANDACHT ZUM MONAT APRIL - EIN BRIEF AN EUNIKE

ZU 2. TIMOTHEUS 1,5

Ich rufe mir den aufrichtigen Glauben ins Gedächtnis, der in dir ist, der vorher auch
in deiner Großmutter Loїs und deiner Mutter Eunike lebte, und jetzt – davon bin ich
überzeugt – auch in dir.

VORBEMERKUNG
Die Bibelstelle lobt den vorbildlichen Glauben von Loїs und Eunike, Großmutter und
Mutter des Paulusschülers Timotheus. Welche Rolle spielten die Mütter und Großmütter
im Glauben in der frühen Kirche und welche Bedeutung haben sie heute?

ANDACHTSTEXT

Liebe Eunike,
auch heute heiraten Menschen, die unterschiedlichen Religionen angehören. Religiöse
Fragen spielen für das familiäre Miteinander eine große Rolle, zumal wenn die
Einstellungen so unterschiedlich sind.
Du hast dich entschlossen, einen neuen Glauben anzunehmen. Das war zu einem
Zeitpunkt, zu dem du bereits mit einem Mann einer anderen Religion verheiratet
warst. Aber es war nicht der Glaube deines Mannes, den du angenommen hast, sondern
du hast den Glauben an Jesus Christus angenommen, von dem dir der Apostel
Paulus das Evangelium, die gute Nachricht, gebracht hatte.
Deinen Mann konntest du davon nicht überzeugen, obwohl du sehr wohl in der Lage
warst, andere Menschen für deine Auffassungen zu gewinnen. Denn deine Mutter
Loїs und dein Sohn Timotheus schlossen sich diesem neuen Glauben dann auch an.
Insbesondere deine Mutter hinterließ wohl in ihrem hohen Alter einen starken Eindruck
durch die Art und Weise, wie sie das Evangelium glaubte und lebte. Aber dein
Mann blieb bei seinem Glauben an die griechischen Götter, ein so genannter Heide,
aus welchem Grund auch immer.
Vermutlich habt ihr im Haus und in der Familie intensiv über eure Glaubensauffassungen
gesprochen. Wie ist Gott zu denken? Gibt es mehrere Götter? Wie ist das
Evangelium von Jesus Christus zu verstehen? Was bedeuten Erlösung und Nachfolge?
Was bedeutet es für das Sterben, was kommt nach dem Tod?
Dein Sohn Timotheus hat solche Auseinandersetzungen von klein auf mit angehört
und sich sicher auch daran beteiligt. Als er größer war, ließ er alles hinter sich und
begleitete den Apostel Paulus als Schüler auf seinen Missionsreisen. Dort erfuhr er
Gottesdienst, Andachten und Lieder 91
aus erster Hand, wie Paulus seine Theologie entwickelte und formulierte. Timotheus
konnte - wie du auch - andere Menschen von seinem Glauben überzeugen. Und übrigens
auch von sich als Gemeindeleiter: Er wurde Bischof in der frühchristlichen Kirche
in Ephesus. Paulus hatte ihm die Hände aufgelegt und ihn dazu bevollmächtigt.
Eine mustergültige theologische Laufbahn, die dein Sohn da hinlegte: Geprägt von
zwei vorbildlichen Frauen der ersten Stunde, die in der Gemeinde bekannt und hoch
geschätzt waren, beeindruckte er mit seiner eigenen theologischen Überzeugungskraft.
Diese bewies er auch gegenüber einer heidnischen Umwelt, die ihm unter anderem
ganz direkt in seinem Vater begegnet war.

Aber welche Rolle spieltest du dabei, Eunike, und welche Rolle deine Mutter? Es sieht ja nach einer etwas untergeordneten Rolle aus: Eine stille Förderin des Sohnes, die schon früh den Glauben annahm, den
er dann in aller Öffentlichkeit vertrat. Er stand im Mittelpunkt  und hatte die wichtige Position.

Diese Rollenaufteilung kommt einem doch irgendwie bekannt vor, oder? Du kriegst den Blumenstrauß, aber mehr auch nicht!

Ja, du kriegst ihn, und insbesondere nicht die anderen Frauen, die es damals wohl
auch schon in der Gemeinde gegeben hat, die eigene theologische Erkenntnisse erarbeiten
und formulieren wollten. Im 2. Timotheusbrief 3,6 werden sie „Weibchen“
oder „Fräuleins“ genannt. Sie schlichen nachts in die Privathäuser, studierten die Texte
selber und wollten auch noch mit anderen darüber diskutieren! So viel war für den
Schreiber des 2. Timotheusbriefes klar: Das ständige Lernen führt diese „Fräuleins“
nicht zur Wahrheit. Am Ende, so wurde es in den Pastoralbriefen an anderer Stelle
befürchtet, wollten diese auch noch in der Gemeinde Positionen ausfüllen, predigen
und ihre Stimme erheben! Das ging gar nicht!! Und deutlich wurde in einem anderen
Brief geschrieben: Das Weib soll sich unterordnen und sei still (vgl. 1 Kor 14,34).
Liebe Eunike, du warst ja nicht so ein Fräulein (mal unter uns: oder doch?). Ihr habt die
Rolle im Hintergrund gewählt und wart darum für den Schreiber des zweiten Timotheusbriefes
weibliche Glaubensvorbilder ohne Wenn und Aber: Vorbilder, die nicht
so in den Vordergrund drängten, und die daher gleich zu Beginn hoch gelobt werden.

Durch Menschen, die Vorbilder im Glauben sind, wird in der christlichen Kirche der
Glaube der Gemeindemitglieder und der Glaube der folgenden Generationen gefestigt.
Das Christentum wurde seit seinen Anfängen von solchen Menschen geprägt.
Menschen, die eine Gemeinschaft bilden, eine Kirche, und die gemeinsame Gottesdienste
feiern. „Gemeinschaft der Glaubenden“ wird das genannt. Dass es Mütter
und Großeltern im Glauben gab – dieser Generationenbezug fing gerade an, als der
2. Timotheusbrief geschrieben wurde. Damals wurde klar, wie wichtig solche Vorbilder
sind. Und so ist es bis heute geblieben.

Auch wir fragen in der heutigen Zeit danach, was Müttern und Großmüttern im
Glauben wichtig war, wenn wir unseren eigenen Glauben entwickeln und suchen.
Unsere theologischen Mütter und Großmütter haben sich dafür eingesetzt, dass wir
Frauen nicht mehr in der Gemeinde schweigen. Sie haben Theologie studiert, sie
haben im Zweiten Weltkrieg, als die Pfarrer an der Front waren, Gemeinden geleitet
und Menschen in diesen Zeiten im Glauben begleitet. Sie haben Abendmahl
gehalten, getauft und beerdigt. Sie sind nach dem Krieg zurück in den Hintergrund
getreten und haben weiter gewirkt als Gemeindepädagoginnen und als Pfarrgehilfinnen.
Sie haben den Glauben von zahllosen Menschen geprägt. Viele voll ausgebildete
Theologinnen waren in Frauenhilfen und -werken tätig und haben alles getan, um
Frauen in ihren damaligen Nöten an Leib und Seele beizustehen.
Als die ersten Landeskirchen Pfarrerinnen zuließen, haben einige unserer Mütter
und Großmütter im Glauben zunächst das Zölibat für Pfarrerinnen akzeptiert, um
ihrer geistlichen Berufung folgen zu können. Sie haben sich mit anderen gleichzeitig
unermüdlich für die gleichen Rechte und die gleiche Würde von Pfarrerinnen wie für
ihre männlichen Amtskollegen eingesetzt.

Unsere Mütter und Großmütter im Glauben haben als theologische Lehrerinnen
Jahrzehnte gearbeitet und gekämpft, um irgendwann die gleichen Positionen in Forschung
und Lehre zu erhalten, die über Jahrhunderte Männern vorbehalten waren.
Sie haben unermüdlich studiert und nie aufgehört, uns zu erklären und zu vermitteln,
was die Aussagen der Bibel ihrer Auffassung und Erkenntnis nach bedeuten und wie
wir heute unseren Glauben verstehen und denken können. Sie haben auch über dich
geschrieben, Eunike, über deine Mutter Loїs und deinen Sohn Timotheus.
Du gehörtest mit deiner Mutter Loїs für den Schreiber des 2. Timotheusbriefes damals
zu den „Guten“. Das, was ihr aus seiner Sicht vor allem gut gemacht habt, war,
Timotheus zu prägen und selbst nicht zu den „Fräuleins“ zu gehören.
Was du selber darüber gedacht hast, hast du nicht aufgeschrieben. Eines ist sicher:
Der Glaube war dir wichtig. Du hast gleichzeitig in einer gemischt religiösen Ehe gelebt
und andere vom Evangelium Jesu Christi überzeugt, insbesondere deine eigene
Mutter. Diese - für dich vermutlich schwere - Herausforderung im Leben hast du auf
beachtliche Weise bewältigt. Und wir wissen etwas von dir über all die Jahrhunderte
bis heute, wenn auch nur aufgrund weniger Bibelstellen. Nur, was du selbst dabei
wirklich gedacht hast, das wissen wir nicht.

Eines, finde ich, passt auf deine Mutter Loїs und dich besonders: der Vers im zweiten
Timotheusbrief, der direkt nach eurer Erwähnung folgt: Denn Gott hat uns nicht gegeben
den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit
(1. Tim 1,7).


WEITERE IDEEN ZUR ANDACHT

LIED
Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut

GEBET
Danke, Gott, für unsere Mütter und Großmütter im Glauben.
Lass auch uns heute durch ihre Erkenntnisse damals wachsen,
lass uns weitertragen, was sie für uns getan haben.
Schenke uns etwas von dem Mut, den sie hatten.
Gott, gib uns einen Geist frei von Furcht!
Gott, Danke für die Menschen,
die Lehrerinnen und Lehrer im Glauben wurden,
die Worte fanden, um zu formulieren, was es bedeutet, zu glauben,
die Widerstände aushalten konnten.
Gott, gib uns einen Geist der Kraft!
Gott segne uns in unserem Suchen heute,
im Rätseln und Fragen,
im Nichtverstehen, im Weitersuchen,
in unserer Sehnsucht nach Erkenntnis.
Gott, gib uns einen Geist der Besonnenheit!
Lass uns nicht vorschnell urteilen.
Lass uns nicht verharren und erstarren in unseren Überzeugungen.
Lass uns nicht aufhören, unserer Sehnsucht nach dir zu folgen.
Lass uns gegenseitig zu Vorbildern im Glauben werden.
Amen.

LITERATUR
Ulrike Wagener „Die Pastoralbriefe“ in: Kompendium feministischer Bibelauslegung,
2. Auflage Gütersloh, 1999, 661-675.


AUTORIN
Bettina Hertel, seit 2012 Geschäftsführerin Evangelische Senioren in Württemberg
und Fachstelle Demografie und Alter; von 2003 bis 2012 Geschäftsführerin des
Frauenwerks und der EFW


JUBILÄUMSWUNSCH
Mein Wunsch für EFW zum 100. Jubiläum: Den Geist der Kraft, der Liebe und der
Besonnenheit.