Liebe Leserinnen und Leser,

die Corona-Krise hat uns noch fest im Griff. Umso mehr freut es mich, dass das Gebet wiederentdeckt wird. Denn auf dem Gebet liegt eine große Verheißung: „Bittet, so wird euch gegeben.“ (Mt 7,7).

Allerdings komme ich schon gar nicht mehr so richtig mit, bei all den Gebetsaufrufen und -initiativen. Vergangene Woche bat z.B. die EKD um Beteiligung an einem „Vaterunser-Gebetssturm“, den Papst Franziskus angeregt hatte. Auf www.evangelisch.de wird auf den Gebetskalender coronagebet.de verwiesen. Da geht es um ein bundesweites „Rund-um-die-Uhr-Gebet“. In Württemberg läuten an vielen Orten abends um 19.30 Uhr die Kirchenglocken und rufen zum Gebet. Das sind längst noch nicht alle Aufrufe und Initiativen.

Wie gesagt: Einerseits finde ich diese Wiederentdeckung des Gebets erfreulich. Davon, dass das Gebet wirksamer wäre, wenn möglichst viele gleichzeitig dasselbe beten, lese ich in der Bibel allerdings nichts.
Viel näher ist mir da ein Gedanke aus dem Abendlied „Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen“ (EG 266). Das Lied bedenkt die Tatsache, dass die Erde sich dreht, und es somit den Wechsel von Tag und Nacht, von Morgen und Abend gibt. Und weil überall auf der Welt Menschen morgens und abends beten, wird zu jeder Stunde, ja zu jeder Sekunde eines Tages irgendwo auf der Welt gebetet.

„Denn unermüdlich,
wie der Schimmer des Morgens um die Erde geht,
ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach,
das vor Gott steht.“
Diese Gewissheit, lässt den Sänger und die Sängerin des Liedes auch in unruhiger Zeit ruhig schlafen (und leben).

„Die Erde rollt dem Tag entgegen;
wir ruhen aus in dieser Nacht
und danken dir, wenn wir uns legen,
dass deine Kirche immer wacht.“

Um es mal ganz schwäbisch pietistisch zu sagen: „In der weltweiten Gemeinschaft der Glaubenden ist immer einer am Beten.“ Das kann mein Herz ruhig und still machen, auch in dieser Zeit voller Ungewissheit. Durch die Gebete der anderen bin ich getragen und bin in der Gemeinschaft der welt-weiten Beter*innen verbunden.

Also keine Sorge, das eigene Gebet könnte eine halbe Stunde „zu spät“ kommen. Hauptsache, es wird gebetet! Gerade in dieser ungewissen Zeit.

Norbert Stahl / Hans-Joachim Janus

Hier noch ein Link zum wunderbaren englischen Original: https://www.youtube.com/watch?v=Pigh8VHr-ZE