Verantwortung für gelingende Pflege liegt bei uns allen

Internationaler Tag der Pflege am 12. Mai

Angesichts der Corona-Infektionslage ist die Pflege in aller Munde und in der täglichen Presse präsent. Sie sind systemrelevant: die vielen Frauen, die dort nach wie vor vorrangig arbeiten. Es geht um Wertschätzung, Dankes-Klatschen am Balkon, Fürsorge und Ehrenamt. Aber auch Fachkräftemangel, Pflegenotstand, kurze Verweildauer im Beruf, niedrige Löhne, mangelnde Anerkennung, belastende Arbeit und aktuell auch fehlende Schutzkleidung in Notzeiten sind im Fokus.

Am heutigen internationalen Tag der Pflege richten wir einen besonderen Blick auf die pflegenden Menschen in ganz unterschiedlichen Bereichen.  Sie benötigen einen wertvollen Platz, der der Bedeutung ihrer Arbeit gerecht wird und ihnen die Anerkennung verschafft, die sie verdienen. 2020 steht dieser internationale Gedenktag unter dem Motto „Nurses – a voice to lead – Nursing the world to health“ auf Deutsch „Pflege - eine Stimme, die führt - die Welt gesund pflegen“, vermutlich angesichts der derzeitigen Corona-Pandemie aktueller als wahrscheinlich geplant. Eine Zeit, in der Pflegefachkräfte überall auf der Welt zu Schlüsselfiguren werden, in einem System, dass überwiegend wirtschaftlich ausgerichtet ist und stets händeringend nach Pflegepersonal sucht. Zusätzlich steht der diesjährige Tag der Pflege unter einem besonderen Stern: Die Weltgesundheitsorganisation hat das Jahr 2020 zum weltweiten Jahr der Pflegenden und Hebammen erklärt. Das verdeutlicht, welche große Bedeutung Pflegefachpersonen in allen Ländern dieser Welt haben. 

Damit gedenken wir traditionell auch der britischen Krankenschwester Florence Nightingale, die am heutigen 12. Mai vor genau 200 Jahren in Florenz geboren wurde. Gegen den Willen ihrer wohlhabenden Eltern entschloss sie sich, als Krankenschwester zu arbeiten und gilt mit ihrem außergewöhnlichen Einsatz als Begründerin der modernen Krankenpflege. Eine besondere Auszeichnung gebührt ihrem Einsatz im Krimkrieg (1853–1856), wo sie als Pionierin eine Gruppe von Pflegerinnen leitete, die verwundete und erkrankte britische Soldaten im türkischen Militärkrankenhaus in Scutari betreute. Durch ihren Einsatz wurden die hygienischen Bedingungen, die Pflege und die Ernährung der Soldaten maßgeblich verbessert. Hier ging sie als Lady with the Lamp („Dame mit der Lampe“) in die Geschichtsbücher ein, da sie oft nachts, ausgestattet mit einer Nachtlampe, die zu pflegenden Soldaten betreute. Auch nach ihrem Einsatz in Scutari hat sie, trotz ihrer Invalidität, durch ihre Veröffentlichungen einen wichtigen Einfluss auf mehrere Gesundheitsreformen in Großbritannien genommen und gründete 1860 die erste Schwesternschule Englands. Damit wurde erstmalig eine professionelle Ausbildung von Pflegekräften ermöglicht und gab dem Beruf der Krankenpflege zusätzlich ein hohes Ansehen in der Gesellschaft. 

Pflege in der heutigen Zeit
Doch wie ist es in der heutigen Zeit um die Pflege und ihre gesellschaftliche Anerkennung bestellt?
Aufgrund der Zunahme der Pflegebedürftigen und des Ausbaus der Pflegeinfrastruktur hat sich das Pflegepersonal in der Zeit seit 1999 nahezu verdoppelt. In der Altenhilfe bedeutet es bei den ambulanten Pflegediensten einen Anstieg auf 390.000 und in den Pflegeheimen einen Anstieg auf 765.000 Mitarbeitende (Stand 2017). 84 % der Pflegekräfte in der Altenhilfe und 80 % in der Krankenpflege sind weiblich. Mehr als die Hälfte (57 Prozent) der Erwerbstätigen in diesem Bereich arbeiten in Teilzeit oder sind geringfügig beschäftigt. Dabei arbeiten rund 62 Prozent der Frauen und 36 Prozent der Männer in Teilzeit (Stand 2019). In der Pflegebranche wird die Teilzeitarbeit gerne genutzt, um Personalengpässe zu bewältigen und Flexibilitätsressourcen auszuschöpfen. Auch die Pflegekräfte selbst wünschen häufig eine Teilzeitbeschäftigung, um Familie und Beruf zu vereinbaren oder um die gesundheitlichen Belastungen, die mit der Tätigkeit einhergehen, bewältigen zu können.  

Trotz der sehr hohen Arbeitsbelastung liegen die Löhne der Pflegekräfte, insbesondere in der Altenhilfe mit einem Gehalt, das 40 Prozent unter dem Median der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten liegt. Damit wird die Pflegearbeit trotz der hohen Professionalisierung nach wie vor unterdurchschnittlich entlohnt. Die Ursachen dafür finden sich vor allem in der Lohnkonkurrenz zwischen privaten und freigemeinnützigen Trägern sowie in den fehlenden Tarifverträgen in der Pflegebranche. Im Licht dieser unterdurchschnittlichen Bezahlung und der schlechten Arbeitsbedingungen erscheint es sehr eindeutig, warum sich immer weniger Frauen und insbesondere Männer für eine Ausbildung in der Pflege oder für einen langfristigen Verbleib im Beruf entscheiden.

Dabei ist die Gesellschaft mehr als angewiesen auf ihre Arbeit: Vorangetrieben von der demografischen Entwicklung, hin zu einer alternden Gesellschaft, steigt der Bedarf nach zusätzlichen Pflegekräften täglich: 2018 waren in der Altenpflege bereits 24.000 offene Stellen bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet. Bei Fortschreitung dieses Zustands wird für 2030 eine Versorgungslücke von 434.000 Vollzeit-Pflegekräften vorhergesagt . 

Mit der Konzentrierten Aktion Pflege  haben die Bundesministerien für Arbeit, Familie Soziales und Gesundheit 2019 eine sehr fortschreitende und begrüßenswerte Strategie entwickelt: „Es muss cool werden, Pflegekraft zu sein“ , fasste die Familienministerin Giffey das Ziel der Aktion zusammen. Die Maßnahmen dieser lauten: Mehr Personal, mehr Lohn, mehr Ausbildung, mehr Digitales.
Zumindest in der Entlohnung hat sich bereits etwas getan: Ende Januar 2020 einigte sich die Pflegekommission auf höhere Mindestlöhne für Beschäftigte in der Altenpflege. Ab dem 1. Juli 2020 sollen die Mindestlöhne für Pflegehilfskräfte und Pflegefachkräfte stufenweise steigen. Zudem soll auch der gesetzliche Urlaubsanspruch auf zusätzlichen bezahlten Urlaub ausgeweitet werden. Derzeit diskutieren die Gewerkschaften und kirchlichen Träger über einen bundesweiten Tarifvertrag für die Altenpflege .
Für häusliche selbstständige Pflegefachkräfte (meist Frauen aus dem Ausland) gelten diese neuen Regelungen nicht. Sofern sie sozialversicherungsrechtlich gemeldet sind (und das betrifft nur einen geringen Teil), erhalten sie den gesetzlichen Mindestlohn. Raum für ein Aufatmen besteht nicht, solange die Finanzierung und die damit einhergehende Reform der Pflegeversicherung nicht geklärt sind.

Die Corona-Zeit als Herausforderung und Chance für professionelle Pflegekräfte

In der anhaltenden Corona-Pandemie ist derzeit alle Aufmerksamkeit auf die sogenannten „systemrelevanten Berufe“ gerichtet. Eine neue Branche, in der vorwiegend Frauen ihren besonderen Arbeitseinsatz zeigen. Berufe, die dem Infektionsrisiko in besonderem Maße ausgesetzt sind und Menschen, die ihre eigene Gesundheit zugunsten gesamtgesellschaftlicher Notwendigkeiten zurückstellen.
Die Altenpflege ist derzeit besonders von der Pandemie betroffen. Die Klient*innen und Bewohner*innen der ambulanten und stationären Altenhilfe gehören zur Hochrisikogruppe. Eine Ansteckung für sie ist lebensbedrohlich und eine Ausbreitung in Pflegeheimen kaum vermeidbar. Es ist kaum vorstellbar, welche zusätzliche physische und emotionale Last Pflege- und Führungskräfte in diesen Zeiten zu tragen haben und welche enorme Leistung sie mit den vorgegebenen Schutzanweisungen erbringen. In diesen Notzeiten zeigt sich der Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal noch viel deutlicher. Zusätzlich fehlen derzeit Schutzkleidung, Masken und Desinfektionsmittel, Mängel, welche die Pflegearbeit darüber hinaus erschweren. 

In der häuslichen Pflege zeigt sich ein weiteres Problem: Etwa 300.000 meist ältere Menschen in Deutschland werden derzeit von osteuropäischen Pflegekräften in häuslicher Gemeinschaft gepflegt. Die bestehenden Grenzschließungen haben zur Folge, dass nur ganz wenige Betreuungskräfte nach Deutschland einreisen können. Zum einen aus Sorge der Betreuungskräfte, dass sie nicht mehr oder nur unter erschwerten Bedingungen zurückkehren können, aufgrund der Schwierigkeiten bei der Ein- und Ausreise, zum anderen auch aus persönlichen gesundheitlichen Sorgen . Für sozialversicherungspflichtig gemeldete Pflegekräfte ist die Ein- und Ausreise ohne Einschränkungen möglich. Aber was ist mit der großen Mehrheit der illegal beschäftigten Frauen aus Osteuropa, die keinen gültigen Arbeitsvertrag nachweisen können aber einen großen Beitrag zu der Entlastung der professionellen Pflegedienstleister leisten? Diese prekäre Situation sollte die Politik auffordern, sich dem Thema der illegal beschäftigten, rund um die Uhr arbeitenden und sehr schlecht bezahlten Frauen in der Pflege zu widmen und ihnen neue und wertschätzende Möglichkeiten von Arbeit zu eröffnen. 

Mit der derzeitigen Ausnahmesituation zeigen sich aber auch die Chancen für die im Pflegeberuf tätigen Frauen und Männer: Noch nie war die Aufmerksamkeit so intensiv auf sie gerichtet wie heute. Noch nie wurden so viele Einblicke in ihre Arbeit gewährt wie heute. Noch nie wurde ihnen so viel Anerkennung gezeigt wie heute. Ein richtiger Schritt! Aber Klatschen vom Balkon und finanzielle Wertschätzungen in Form einer einmaligen Prämienzahlung sind nicht genug, um den in der Pflege arbeitenden Menschen gerecht zu werden, ihnen für Ihren unermüdlichen Einsatz, auch in „normalen Zeiten“ zu danken, sie zu entlasten oder sie im Beruf zu halten und neue Menschen für diesen Beruf zu gewinnen.  

Es ist Zeit, die Pflege als wichtige Säule in der Gesellschaft zu sehen und nicht nur als natürliche Fürsorglichkeit von Frauen, die keiner besonderen gesellschaftlichen und finanziellen Anerkennung gebührt. Der Beruf der Pfleger*innen verdient angemessene Bezahlung und wertschätzende Arbeitsbedingungen, die ein sorgenfreies Familienleben und private Spielräume für die Erholung ermöglichen. Es müssen gelingende Rahmenbedingungen geschaffen werden, die das Ineinanderwirken fachpflegerischer Dienste, familiärer Kapazitäten und von Unterstützungskräften in guter Weise ermöglichen. Dazu zählt auch die innovative Entwicklung neuer Formen pflegerisch betreuten Wohnens im Alter. 

Junge Menschen sollen sich darin gestärkt fühlen, im Pflegeberuf eine echte Perspektive sehen zu können, die das Leben anderen Menschen erleichtert und schützt und gleichzeitig ein eigenes privates (Familien-)Leben wertschätzt, fördert und für das eigene Alter existentiell auskömmlich ist.

Das veraltete Konzept der Pflegeversicherung bedarf einer Reform, in der die finanzielle Unterstützung der Familien und der zu pflegenden Menschen gesichert ist, ohne dass die Löhne der Pfleger*innen darunter leiden müssen. 

Die Verantwortung für eine gelingende und wertschätzende Pflege tragen wir alle. 

Elsa Böld, Referentin Kirche und Gesellschaft, EFW

Bild von Tania Van den Berghen auf Pixabay